Bergen-Enkheimer Stadtschreiberpreis feiert 50-jähriges Bestehen „Die Hölle brach los“

Blicken bei Open Books auf 50 Jahre Stadtschreiberpreis zurück (von links): Adolf Schubert, Veronica Brier, Peter Weber und Mark Gläser. Bild: Faure

Frankfurt/Bergen-Enkheim (jf) – Das neue Massif Central in der Bethmannstraße wurde langsam voll vor der Bühne. Bei Open Books, dem Lesefest zur Frankfurter Buchmesse, ging es um 50 Jahre Stadtschreiberamt in Bergen. Auf der Bühne saßen Adolf „Adi“ Schubert, Veronika Brier, Peter Weber und Mark Gläser. Schubert war Anfang der 70er Jahre stellvertretender Bürgermeister und Baudezernent. Eine neue Stadthalle sollte gebaut werden. „Mehr Kultur für Bergen-Enkheim“, hieß das Motto. Also musste ein entsprechendes Konzept erarbeitet werden, das die Halle rechtfertigte.

Und wenn es einen Stadtschreiber gäbe? Adrienne Schneider erinnerte sich in einem Interview an ein Gespräch mit ihrem Vater Franz Joseph Schneider, Autor, Werbefachmann und Bürger von Bergen, der diese Idee aufbrachte. „Ich war mit Franz Joseph Schneider, der zur Gruppe 47 gehörte, befreundet. So fand dessen Idee Eingang ins kulturpolitische Konzept, wurde dort praktisch versteckt“, erklärte Schubert. Schneider und Schubert fuhren zu den Gruppe-47-Mitgliedern Hans Werner Richter, Heinrich Böll und Dieter Lattmann und besprachen den Stadtschreibergedanken mit ihnen. Alle fanden die Idee gut. „Dann bekam ein Journalist Wind davon. Die Hölle brach los. Selbst aus Amerika kamen Anfragen“, sagte Schubert, „da war keine Rolle rückwärts mehr möglich.“

Franz Joseph Schneider und Adolf Schubert fuhren gemeinsam zu Wolfgang Koeppen, um ihm die Nachricht zu überbringen, dass er zum ersten Stadtschreiber 1974/75 gekürt worden war. Die Festrede – schon damals gab es das große Zelt – hielt Marcel Reich-Ranicki. „Das Stadtschreiberhaus war zum Amtsbeginn noch nicht ganz fertig“, gedachte Schubert der Anfänge.

Eine Jury aus vier Fach- und vier Bürgerjuroren sowie dem Bürgermeister und später dem Ortsvorsteher wurde gebildet. Das neunköpfige Gremium entscheidet unter Ausschluss der Öffentlichkeit darüber, wer den Preis bekommt.

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„Das alles fand ich ganz spannend“, sagte Veronica Brier, die 1978 nach Bergen-Enkheim zog. „Eine Preisverleihung in einem Zelt! Die Plätze waren begehrt. Das Fest war identitätsbildend für Bergen-Enkheim.“

Der erste Stadtschreiberpreis im Deutschland der Nachkriegsgeschichte ist etwas Besonderes, denn er enthält keinerlei Verpflichtungen. „Ganz bewusst wurde auf eine Präsenzpflicht verzichtet“, fügte Adolf Schubert hinzu. „Die letzten Preisträgerinnen waren allerdings sehr aktiv“, bemerkte Brier.

Der heutige Fachjuror Peter Weber, der 2004/05 Stadtschreiber war, erinnerte sich: „Nachts halb eins klingelte das Telefon. Peter Bichsel war dran und meinte nur: ‚Sag ja!’ Das habe ich getan und diese Art der Benachrichtigung über die Auswahl übernommen.“ Weber sprach über Adrienne Schneider, die sich zuerst mit ihren Eltern und später alleine jahrelang um die Stadtschreiberinnen kümmerte. „Sie riet mir, die Leute bei der Antrittsrede nicht zu unterfordern. Meine Zelterfahrung sagt mir, dass poetische Worte die Geräusche verstummen lassen“, merkte Weber an.

Es gibt viele Anekdoten um den Stadtschreiberpreis. Nicht unerwähnt darf die Rolle der kürzlich verstorbenen Monika Steinkopf bleiben, die mit ihrer Buchhandlung ein beliebter Anlaufpunkt für die Ausgezeichneten war.

„Wir werden das Haus An der Oberpforte demnächst begehen. Ich fürchte, da sind noch einige Dinge so wie vor 50 Jahren“, sagte Ortsbeirat Markus Gläser, der sich für die Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim ehrenamtlich engagiert und das Gespräch moderierte.