Anne Baerenz singt Audiovisuelle Führung über Frankfurter Hauptfriedhof

Dieter Wesp stellt ein Porträt von Lutz Sikorski neben das Grab. Foto: Faure

Nordend (jf) – Etwa 20 Teilnehmer hatten sich am Alten Portal eingefunden, um mit Dieter Wesp auf den Spuren der 68er über den Friedhof zu laufen. „Seit 1969 lebe ich in Frankfurt, habe also diese bewegte Zeit mitgemacht, als Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit noch zu den Ostpark-Kickern gehörten und wir dort gemeinsam Fußball spielten“, stimmte der Gästeführer auf das Thema ein.

Gar nicht weit entfernt befand sich schon das erste Grab, in dem der Philosoph Alfred Schmidt seine letzte Ruhestätte fand. Nur ein sehr kleines Schildchen weist darauf hin: „Seine Lebensgefährtin Ingeborg Strauß ist erst vor kurzem gestorben, nun wird der Stein erneuert“, erklärte Wesp.

Alfred Schmidt, 1931 in einfachen Verhältnissen in Berlin geboren, studierte bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in Frankfurt, wurde 1960 mit einer Arbeit über den „Begriff der Natur bei Karl Marx“ promoviert. „Schmidt hielt an der Universität legendäre Vorlesungen über die Lehre des Materialismus“, bemerkte Wesp. Doch nicht zu diesem Thema, sondern mit einer Passage vom „Bewusstsein der Endlichkeit als Schlüssel zur Metaphysik“ konnte die Gruppe das Ehrenmitglied der Schopenhauer-Gesellschaft hören: Wesp hatte nicht nur ein Pad mit einem Porträt von Schmidt dabei, sondern auch dieses Stück aus einem Vortrag.

Rundgang und Informationen

Weiter führte der Rundgang zu Lutz Sikorski. Nur 61 Jahre alt wurde der Helmholtz-Schüler und spätere Politiker, der für Bündnis 90/Die Grünen im Stadtparlament saß und seit 2006 Verkehrsdezernent war. Schon 1993 sollte er unter Oberbürgermeister Andreas von Schoeler Umweltdezernent werden, fiel aber durch. In Erinnerung geblieben ist der Kommentar von Schoelers, der von „vier Schweinen in den eigenen Reihen“ sprach, die damals verhinderten, dass Sikorski gewählt wurde.

Als der beliebte Sikorski, der viel besonders für Radfahrer in Frankfurt auf den Weg gebracht hatte, im Januar 2011 starb, standen ein paar Tage später für eine Trauerminute alle U-Bahnen, Trams und Busse in Frankfurt still. „Komm, ins Offene Freund“ steht auf dem Grabstein für Helmut Schauer. Es ist der Anfang des Gedichts „Der Gang aufs Land“ von Friedrich Hölderlin. Bereits in diesen um 1801 geschriebenen Zeilen ist von der „bleiernen Zeit“ die Rede. Dieser Begriff wird auch für unterschiedliche Wege des politischen Widerstands in den späten 1970er Jahren verwendet, es ist der Titel eines 1981 erschienener Films von Margarethe von Trotta. Die Bühne hat Schauer selbst viel bedeutet – er war Dramaturg unter Fassbinder am Theater am Turm. In einer hübschen, etwas verwilderten Ecke liegt das Grab von F. K. Waechter. Erdbeeren wachsen dort und Fingerhut. Auf dem nahen Baum wacht ein hölzerner Rabe über die letzte Ruhestätte.

Musik am Grab

Dem Grab von Alexander und Margarete Mitscherlich galt der nächste Weg, dann, ein ganzes Stück weiter, stand die Gruppe vor der Grabtafel Theodor W. Adornos, um eine Sequenz aus einem Vortrag zu hören, in der sich Adorno klar, verständlich und sprachgenau mit den Begriffen „Spätkapitalismus“ und „Industriegesellschaft“ auseinandersetzte.

Die Gräber von Brigitte Heinrich und Iring Fetscher waren weitere Stationen auf dem Rundgang, der schließlich zu Anne Baerenz’ letzter Ruhestätte führte. Die 2005 verstorbene großartige Sängerin und Pianistin, Mitglied des Frankfurter Kurorchesters und später des Neuen Frankfurter Schulorchesters sowie Lebensgefährtin des Cellisten Frank Wolff kam höchst selbst zu Wort: Am Grab erklang das von ihr auf ganz besondere, unvergessliche Art interpretierte „Hey Baby“ von Jimi Hendrix.

Zuletzt besuchte die Gruppe die letzte Ruhestätte von Matthias Beltz. Vom Band ertönte „Deutschland – ein Fußballmärchen“. Satirisch, spitzfindig, witzig, präzise.

Diese Führung ist etwas Besonderes, die Bilder und Originaltöne bringen den Teilnehmern die Persönlichkeiten noch einmal auf ganz spezielle Weise nahe.

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