AWO Frankfurt: Erstes Praxisforum Kinderarmut und über 1500 gespendete Schulranzen Jedes fünfte Kind ist arm

Ansgar Dittmar und Daniela Birkenfeld mit den neuen Ranzen: Sie sollen armen Kindern den Schulstart erleichtern. Foto: jf

Ostend (jf) – Als Barbara Schwarz vor elf Jahren immer mehr Kinder mit Plastiktüten zur Schule gehen sah, initiierte sie das Projekt „Schulranzen“. 2008 konnten die ersten aus Spenden finanzierten Ranzen übergeben werden. „Von Jahr zu Jahr erhalten mehr Schulanfänger ihren ersten Ranzen über unser Projekt“, erklärte Jasmin Philippi-Novak, stellvertretende Geschäftsführerin des AWO-Kreisverbandes Frankfurt, vor Beginn des ersten Praxisforums Kinderarmut.

Gerda Holz vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik stellte zunächst klar: „Armut ist eine Lebensbedingung und kein Verhalten.“ Und arm ist immer im Vergleich zum Umfeld zu sehen. Erwerbsprobleme und soziale Probleme sind Armutsursachen. „Wir wissen, dass es arbeitslose und arbeitende Arme gibt“, unterstrich die Expertin. Kinderarmut ist die Folge familiärer Einkommensarbeit. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen, hier ist die Armutsgefahr besonders hoch. „Ein Paar mit einem Kind ist arm, wenn es weniger als 1900 Euro Haushaltsnettoeinkommen im Monat hat“, erläuterte Holz. In Frankfurt leben über 20 Prozent der bis 15-Jährigen in Armut. „Dabei geben alle Familien etwa drei Prozent ihres Einkommens für Bildung aus, Arme wie Reiche. Nur ist das bei einem Monatseinkommen von 10.000 Euro auch ein anderer Prozentsatz“, bemerkte die Wissenschaftlerin.

Kinderarmut hat gravierende Folgen; Unterversorgung, kulturelle Benachteiligung, eine schwierige soziale Lage und gesundheitliche Defizite lassen sich aufgrund einer Studie feststellen. „Es gibt jedoch arme Kinder und Kinder, die arm dran sind, weil sie nicht die notwendige Zuwendung und Aufmerksamkeit erhalten“, verwies die Expertin auf Unterschiede.

Wie können solche folgenreichen Fehlentwicklungen vermieden werden? „Den Begriff ‚Armutsprävention’ hat es vor fünf, sechs Jahren noch gar nicht gegeben“, sagte Holz. Es geht darum, vom Kind aus zu denken und das Kind individuell zu fördern. Da stellt sich beispielsweise die Frage, ob für jede Fördermaßnahme auch ein Antrag gestellt werden muss. „Armuts-Sensibilität ist gefragt“, sagte die Fachfrau und forderte „gelebte Verantwortung“.

Leider gibt es keine Langzeitstudien, die verdeutlichen, wie viele einst arme Kinder diesen Teufelskreis durchbrechen konnten.

In der anschließenden Diskussionsrunde machte sich Gerda Holz nochmals gegen Kinderarmut stark: „Das Schulranzen-Projekt ist gelebte Solidarität. Aber es ist auch ein Fingerzeig, genau hinzuschauen, wie Kinder in Frankfurt aufwachsen. Wo bleibt kostenfreies oder günstiges Schulessen, wo gibt es unbürokratisch Zuschüsse zur Sportkleidung? Das ist die Politik gefragt.“

Kaija Landsberg, Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung, machte auf ein Missverhältnis aufmerksam: „Wir wissen, dass es Ungleichheit gibt und antworten mit Gleichheit, beispielsweise beim Kindergeld. Außerdem müssten die besten Lehrer in die Brennpunktschulen. Die Zivilgesellschaft kann Projekte nicht in allgemeingültige Maßnahmen überführen. Da muss die Politik handeln.“

Senka Turk, Bereichsleiterin im Internationalen Familienzentrum (IFZ), sprach sich für mehr Familienbildung aus. „Doch oft sind schnelle Hilfen wichtiger, wenn die Wohnung zum Beispiel schimmelt und nicht mehr zumutbar ist.“ Inzwischen gehen die IFZ-Mitarbeiter zu den Familien und warten nicht, bis die ins Zentrum kommen. „Wir versuchen, die Familien früh zu erreichen, um schon den Kleinsten helfen zu können.“ Viel wurde in Frankfurt vorangebracht, aber noch ist viel zu tun. Eine Bündelung der Maßnahmen wäre wünschenswert.

„Je älter die Kinder in einkommensschwachen Familien sind, desto mehr Verantwortung müssen sie oft übernehmen“, fiel Iris Honikel, AWO-Fachberaterin Kinderschutz, auf.

Silke Deselaers, Stadtelternbeirat Frankfurt, sprach über die Verhältnisse in der Schule: „Lernmittelfreiheit ist das eine, vermeintlich notwendige Extras sind das andere.“ Darüber sollte offen geredet werden. Genauso über Klassenfahrten, die bei mehreren Kindern schwer ins Geld gehen.

80 Spender – Privatpersonen, Stiftungen, Unternehmen, AWO-Ortsverbände – haben dafür gesorgt, dass nicht nur 1500 Erstklässler in Frankfurt mit einem trendigen, nigelnagelneuen und gut gefüllten Schulranzen den neuen Lebensabschnitt beginnen, sondern auch noch jeweils 200 Schulanfänger in Wiesbaden, Offenbach-Stadt und -Land so bestens vorbereitet starten. Ein Stück Chancengleichheit.

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