Unverschuldet im Strudel nach unten

Kafkas „Amerika“ im Theater Willy Praml aufgeführt

Karl Roßmann (Virginia V. Hartmann) im Gespräch mit dem Heizer (Claudio Vilardo). Foto: Faure

Ostend (jf) – Karl Roßmann, 16 Jahre alt, wird von seinen Eltern nach Amerika geschickt. Keine Auszeichnung, vielmehr eine Strafe, „weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte“, wie es bei Franz Kafka im ersten Kapitel heißt. Sieht Karl deshalb im Hafen von New York ankommend in der Hand der Freiheitsstatue ein Schwert statt der Fackel?

Willy Praml inszeniert das zwischen 1911 und 1914 geschriebene und auch in dieser Zeit handelnde Romanfragment „Amerika/Der Verschollene“ in acht Bildern. „Der Roman hat über 300 Seiten, den konnten wir nicht eins zu eins übernehmen. Aber trotzdem ist bei uns alles drin“, erklärt Praml. Der Besucher kommt für dieses Stück über den Seiteneingang ins Theater, der eigentlich zu den Büroräumen führt. Auf halber Treppe ist eine Theke aufgebaut, Matrosen (Birgit Heuser, Michael Weber, Jakob Gail) begrüßen die Gäste, legen ihnen ein rotes oder blaues Band um, das sie einer Gruppe zuordnet, und geben ihnen Kopfhörer und einen Laufzettel mit.

Das Foyer wird zum ersten Spielort. Karl Roßmann lernt den Schiffsheizer kennen, der ihm von den Schikanen eines Vorgesetzten erzählt und den Dienst quittieren will. Roßmann kann ihn überzeugen, mit ihm gemeinsam zum Kapitän zu gehen und die Angelegenheit vorzutragen. Er hätte es lassen können, denn Gehör findet der Heizer kaum. Dafür trifft Karl unerwartet seinen Onkel, den Senator Edward Jakob. Ein Brief des Dienstmädchens hatte Karl Roßmann angekündigt. Jetzt wird alles gut – könnte man denken, der Onkel ist reich an Geld und Einfluss, da gibt es sicher Mittel und Möglichkeiten für den Neffen. Aber wir sind bei Kafka und Praml und beim ersten Bild. So schnell und so geradlinig entwickelt sich die Geschichte nicht. Und zunächst ziehen alle um, hinüber in den Zuschauerraum des Theaters.

Publikum lernt neue Vorstellungsräume kennen

Karl geht es gut beim Onkel, vom Balkon aus – dabei wird die Höhe der Industriehalle und die Technik genutzt – beobachtet der Neuankömmling das geschäftige Treiben von telefonierenden Vorübereilenden in Häschen-Kostümen. Ein Freund des Senators trifft mit dem Auto ein und nimmt Karl auf sein Landgut mit. Das Publikum lernt nun neue Vorstellungsräume kennen: Die Dachterrassen der Genossenschaftshäuser auf dem Naxos-Areal. Per Kopfhörer lauschen die Gäste, was auf dem Dach gegenüber passiert.

Abrupt ändert sich Karls Leben, der Onkel verbannt ihn aus undurchsichtigen Gründen. Karl ist auf sich allein gestellt. Er versucht, freundlich und gerecht gegenüber anderen Menschen zu sein, doch er wird enttäuscht, betrogen und belogen. Manchmal scheint er Glück zu haben – die mütterliche Oberköchin des Hotels Occidental verschafft Karl den Posten eines Liftboys. Doch diese Anstellung führt nicht die Karriereleiter hinauf. Während Karl den Lift bedient und zwischendurch der traurigen Geschichte der Hotel-Sekretärin Therese lauscht, halten die beiden anderen Amerika-Stücke des Theaters Willy Praml Einzug in den letzten Teil der Trilogie; wer Walt Whitmans „Amerika erklären“ und Edward Albees „Die Zoogeschichte“ gesehen hat, begegnet den Figuren im Lift wieder.

Überraschende Wendungen und skurrile Einfälle

Nach vier Stunden und weiteren Umzügen in die kleine Spielstätte, ins Kino und in die große Theaterhalle haben sich die Darsteller aufgemacht, schauen im Naturtheater von Oklahoma – auf den Zuschauerplätzen im Theater, während das Publikum auf Hockern in der großen Halle sitzt – erwartungsvoll in eine vielleicht bessere Zukunft. Bei Kafka? Seine Trilogie der Einsamkeit, zu der „Das Schloss“ und „Der Prozess“ gehören, lassen wenig Hoffnung aufkommen. Pramls Inszenierung besticht durch den Textvortrag eng am Original, durch überraschende Wendungen, skurrile Einfälle und die musikalische Begleitung. Das Ensemble ist mit vollem Körpereinsatz und Spielfreude auf der Bühne und in Videosequenzen dabei. Weitere Vorstellungen gibt’s am 15., 16., 17., 24. und 25. März, mehr Termine unter www.theater-willypraml.de.

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