Grundschüler lernen, mit Beeinträchtigung umzugehen

Künftige Kauffrauen mit Projekt an Kirchnerschule

Sibel Bozkurt und Selina Freiler mit Rollstuhl, Schlafmasken und Blindenstöcken auf dem Schulhof. Foto: Faure

Bornheim (jf) – „Wir sind die Männerdomäne an der Schule“, scherzte Klassenlehrer Martin Beer. Er und Praktikant Nicolas Fränkel konnten sich an diesem Vormittag allerdings für 90 Minuten eher entspannt zurücklehnen. Geballte Frauen-Power übernahm: Bianka Hahn, Selina Freiler, Michelle Hillwig, Sibel Bozkurt und Julia Fritz. Die künftigen Kauffrauen für Büromanagement und zurzeit Berufsschülerinnen der Wilhelm-Merton-Schule, hatten ein besonderes Projekt erarbeitet. „Es geht um den Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung“, erklärte Julia Fritz.

Seit dem 15. Februar haben die fünf jungen Frauen das Projekt vorbereitet, es mit ihrem Lehrer Stefan Zöller besprochen, Vereine und Betroffene besucht. Zwischen Merton- und Kirchnerschule liegen nur wenige Gehminuten – deshalb entschieden sich die Berufsschülerinnen für diese Bildungseinrichtung. Zunächst stellte Anne Rübsam kurz ihren Verein CeBeeF, einer der Projektpartner, vor. „Der Club Behinderter und ihrer Freunde wurde vor über 40 Jahren von engagierten Sozialarbeitern, Studenten und Professoren gegründet. Damals lebten behinderte Menschen noch bei den Eltern oder in Heimen. Das Leben war schwierig für sie“, sagte die langjährige Leiterin des CeBeeF-Fahrdienstes. Aus den anfänglich kaum zehn Engagierten ist inzwischen eine feste Größe in der Stadt geworden, es gibt rund 600 hauptamtlich und viele ehrenamtlich Tätige.

Die Kauffrauen-Azubis hatten bunte Zettel vorbereitet, jedes der 21 anwesenden Kinder konnte einen Zettel ziehen. So bildeten sich vier Gruppen. Die erste und zweite Gruppe mit Selina Freiler und Sibel Bozkurt zog hinaus auf den Schulhof. Wie ist es, in einem Rollstuhl zu sitzen? Wie fühlt man sich unter der keinen Lichtschimmer durchlassenden Schlafbrille und mit einem Blindenstock in der Hand? Eine „Indoor“-Gruppe mit Bianka Hahn probierte inzwischen Simulationsbrillen aus, die eine Makula-Degeneration, Grauen oder Grünen Star vortäuschten und die Sehstärke entsprechend einschränkten. Lesen wird dann kompliziert.

Gegenstände mit Schlafmasken ertasten

Schlafmasken wurden auch beim Spiel „Fühlen und Tasten“ von Julia Fritz getragen. Ganz erstaunlich, dass ein Kind den Bleistiftspitzer in der kleinen Dose richtig ertastete. Schwieriger wurde es mit der 3D-Brille, da schaffte es niemand, von der dünnen Folie statt der Gläser auf den Zweck der Brille zu kommen. Mit Gebärdensprache beschäftigte sich Michelle Hillwig. Ein mit den Händen groß und nah am Körper gezeichnetes Herz und anschließendes Wiegen der Arme bedeutet „herzlich willkommen“. Und natürlich kann man jeden einzelnen Buchstaben mit den Fingern darstellen. Ganz schön viel Lernstoff - und nicht Ziel des Projektes, das nur über Möglichkeiten informieren will, wie man sich trotz einer Hörschädigung unterhalten kann.

Nach rund 70 Minuten hat jedes Kind an allen Spiel- und Fühlrunden teilgenommen. Wie war es? „Mit dem Blindenstock zu laufen war schwer.“ „Es waren richtig coole Spiele. Das Ertasten und die Gebärdensprache waren interessant.“ „Mit dem Blindenstock hatte ich echt Angst, gegen die Wand zu knallen.“ „Bei den Simulationsbrillen hat man schon gemerkt, wie schwer es Menschen mit Sehstörungen haben.“ „Das war eine tolle Stunde, und es gibt ein großes Lob.“

Betroffenen gegenüber richtig verhalten

Die künftigen Kauffrauen lächeln. Noch zwei Tafeln haben sie vorbereitet, auf denen geht es um richtiges Handeln Betroffenen gegenüber. Höfliche Ansprache ist das Erste, sie sollte von Angesicht zu Angesicht erfolgen. Das ist vor allem bei Hörgeschädigten wichtig, denn viele können Worte von den Lippen ablesen. Hilfe soll nicht aufgedrängt, sondern angeboten werden – die Entscheidung, sie anzunehmen, liegt bei den Betroffenen. Zum Schluss gibt es noch eine grüne Stofftasche mit Werbeprodukten und ein paar Süßigkeiten für die Mädchen und Jungen der 4d. Das kommt natürlich bei den Kindern gut an – so wie die gesamten einprägsamen und ungewöhnlichen 90 Projektminuten.

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