Kerzen anzünden als Erinnerung an dunkle Tage

Seckbach: Gedenkstunde in der Budge-Stiftung

Michael Dietrich, Sozialdienst der Budge-Stiftung, hilft der Auschwitz-Überlebenden Trude Simonsohn beim Anzünden einer Kerze. Foto: Faure

Seckbach (jf) – Der 27. Januar, der Tag, an dem 1945 das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde, steht seit 1996 auf der Liste der Gedenktage der Bundesrepublik. In der Henry und Emma Budge-Stiftung gehört er seit Langem zu den drei wichtigen Tagen, an dem an das Leid in der Nazizeit und den Widerstand erinnert wird.

Das traditionelle gemeinsame Gebet der drei Geistlichen musste an diesem Tag ohne die erkrankte evangelische Pfarrerin Gisa Reuschenberg auskommen – ihren Part übernahmen Diakon Franz Reuter und Rabbiner Andrew Steiman. Thorsten Krick, Geschäftsführer der Budge-Stiftung, erinnerte an den 27. Januar 1945: „Den Auschwitz-Befreiern bot sich ein Bild jenseits aller Beschreibungen.“ Im Konzentrations- und Vernichtungslager wurden mehr als eine Million Menschen umgebracht, weil sie dem herrschenden Regime nicht passten. „Die Gesellschaft braucht ein kollektives Gedächtnis“, unterstrich Krick. Immer wieder bemühe sich die Budge-Stiftung um Zeitzeugen, doch die Liste werde kürzer, irgendwann werde es keine Zeitzeugen mehr geben.

Eine Aufgabe der 1951 gegründeten Jewish Claims Conference ist es, Überlebenden in aller Welt zu helfen. Die Claims Conference ist auch im Vorstand der Budge-Stiftung vertreten, gegenwärtig übernimmt Rachel Heuberger diese Aufgabe. Ihr 2010 verstorbener Mann Georg Heuberger war Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Frankfurt und viele Jahre Deutschland-Repräsentant der Claims Conference, sein 2013 berufener Nachfolger Rüdiger Mahlo hielt nun die Ansprache in der Budge-Stiftung.

Überlebende werden durch Claims Conference unterstützt 

„Viele Überlebende der Shoah sind heute hochbetagt. Ihnen gilt die Unterstützung der Claims Conference als aufrichtigste Form der Erinnerung.“ Heute gehe es nicht mehr nur um finanzielle Entschädigung, sondern auch um humanitäre Hilfe; mehr als 130.000 Überlebende in knapp 50 Ländern werden mit häuslicher Betreuung, Nahrung, Medikamenten und medizinischer Versorgung unterstützt. Die Claims Conference ist zudem auf dem Bereich der Bildung, Dokumentation und Forschung tätig. „Viel leisten da vor allem Yad Vashem in Jerusalem und das Holocaust Memorial Museum in Washington“, betonte Mahlo. Noch immer seien die Namen von 1,3 Millionen jüdischen Opfern nicht bekannt.

2013 nahm Rüdiger Mahlo erstmals am Jahrestreffen der Claim Conference in New York teil. „Ein Überlebender erzählte von seinem Vater. Gemeinsam hatten sie sich versteckt, doch die Nazis spürten sie auf. Um von seinem Sohn abzulenken, stellte sich der Vater. Er wurde erschossen und auf der Straße liegen gelassen. In der Dunkelheit schlich sich der Sohn zu seinem toten Vater und fand einen Zettel, auf dem stand: ‚Baruch, vergiss mich nicht’.“ Eine andere Geschichte ist die von Karoline Cohn aus Frankfurt.

Zeitzeugen werden immer weniger 

Ende 2016 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Todeslagers Sobibor ein dreieckiger Anhänger entdeckt. Auf der einen Seite stand in Hebräisch Mazal Tov (viel Glück), auf der anderen das Datum 3.7.1929 sowie Frankfurt A.M. Mit Hilfe von Datenbank und Deportationslisten konnte dem Datum in Yad Vashem ein Name zugeordnet werden. Karoline, ihre Schwester und ihre Eltern wurden am 11. November 1941 in das Ghetto Minsk deportiert, das im September 1943 liquidiert wurde. Die 2000 dort inhaftierten Juden wurden nach Sobibor geschickt und ermordet. Die Claims Conference hat für die Familie Cohn Stolpersteine in Auftrag gegeben, die am 13. November 2017 in der Thomasiusstraße im Nordend verlegt wurden.

„Noch gibt es Zeitzeugen, um vor allem Jugendlichen von jenen dunklen Jahren zu berichten, sie präventiv vor Antisemitismus zu warnen“, sagte Mahlo. Diese judenfeindliche Ideologie habe ihr Gesicht im Laufe der Jahre gewandelt und sich erneuert. Man müsse aufpassen, dass nichts davon gesellschaftsfähig werde. Und man müsse Erinnerungskonzepte erarbeiten für eine Zukunft, in der es keine Zeitzeugen mehr gibt. Fast am Ende der Gedenkstunde wurden gemeinsam viele Kerzen angezündet – ein starkes Zeichen des Erinnerns. Mit dem Kaddisch ging diese bewegende Stunde zu Ende.

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