Es geht zu den Gräbern von Dichtern und Denkern Spaziergang über den Frankfurter Hauptfriedhof

Dieter Wesp am Grab von Johann Georg August Wirth. Foto: Faure

Nordend (jf) – 70 Hektar Fläche, 70000 Gräber, über 40 Kilometer ausgebaute Wege – auf dem Frankfurter Hauptfriedhof kann man tage- und wochenlang unterwegs sein. Sich möglicherweise auf der Suche nach einem Grab gar verlaufen. Mit Dieter Wesp passiert das nicht.

Er bietet mehrere Touren über den Friedhof an, weiß genau, wo die letzten Ruhestätten liegen – selbst wenn er den Plan an diesem Donnerstagnachmittag zu Hause vergessen hatte. Zuverlässig fand er das erste Grab der Führung Dichter und Denker; es ist das von Marianne Willemer, Goethes Muse. Im Alter von 16 Jahren wurde sie von ihrer Mutter für 2000 Gulden an das Haus des Frankfurter Bankiers Johann Jakob von Willemer gegeben, um mit dessen Töchtern aufzuwachsen. Aus der Pflegetochter wurde Willemers Geliebte – und 1814 seine Frau. Goethe flocht ihre Gedichte in den „West-östlichen Divan“ ein, die Urheberschaft konnte erst später nachgewiesen werden. Und natürlich steht unweit des Grabkreuzes ein Ginkgo, Goethes Gedicht „Ginkgo Biloba“ hatte er Marianne gewidmet.

Weiter ging es zum Grabstein von Johann Georg August Wirth, Redner auf dem Hambacher Fest im Mai/Juni 1832 und Mitglied des Paulskirchenparlaments. „Ein frischer Kranz!“, sagte Wesp. Frische Blumen werden uns auf der Runde noch mehrfach begegnen, allein der Anlass bleibt dabei immer im Dunklen.

Eine abgebrochene Grabsäule erinnert sowohl an Almut Gernhardt, erste und bereits mit 49 Jahren gestorbene Frau des Satirikers, Dichters und Zeichners Robert Gernhardt – und an ihn selbst; er starb 2006. Der Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule und Co-Autor der Otto-Walkes-Shows arbeitete zunächst für die „Pardon“, später für die „Titanic“.

Ein großer weißer Grabstein

Von 1764 bis 1839 lebte Dorothea Schlegel, Tochter von Moses Mendelssohn. 14-jährig wurde sie mit Simon Veit verlobt, den sie mit 18 Jahren heiratete. Einer ihrer vier Söhne, Philipp Veit, wurde 1830 als Direktor des Städelschen Kunstinstituts berufen. Dorothea ließ sich 1799 scheiden, verpflichtete sich zwar, nicht wieder zu heiraten, missachtete das jedoch und ehelichte 1804 Friedrich Schlegel. „Die Schlegels wohnten gemeinsam mit dem Bruder August Wilhelm Schlegel und dessen Frau Caroline in Jena, ein Schwerpunkt der literarischen Romantik entstand, zu dem auch Novalis, Tieck und Schelling gehörten. Und ein damals skandalöser Roman Friedrich Schlegels, ‚Lucinde’“, erzählte Dieter Wesp. „Beim nächsten Mann wird alles anders“ ist ebenfalls ein Buchtitel. Der 1987 erschienene Roman von Eva Heller erreichte Millionenauflagen. Das Grab der Sozialwissenschaftlerin und Schriftstellerin – eine schmale Hand mit einem Füllfederhalter – hebt sich von anderen Ruhestätten ab.

Ein großer weißer Grabstein trägt die Namen von Marie und Friedrich Stoltze – der 200. Geburtstag des Dichters wird in diesem Jahr begangen. Der letzte Platz von Alexander und Margarete Mitscherlich gehört ebenfalls in die Runde, genauso wie die Grabtafel von Theodor W. und Margarete Adorno und die große Grabstätte von Siegfried Unseld – auch hier frische, riesige Callas in einer enorm großen Vase. Ein Urnengrab mit vielen Steinen erinnert an Teofila und Marcel Reich-Ranicki.

Prädikat: empfehlenswert

Der gut anderthalbstündige Rundgang endete am Grab von Arthur Schopenhauer, der Philosoph begeisterte sich für Pudel. Schalt er das Tier, nannte er es „Mensch“, lobte er den Pudel, wurde dieser „Atman“ (Lebenshauch, Atem, Seele) genannt.

Dieter Wesp kennt viele Geschichten und Anekdoten. Er erzählt sie gerne, weiß immer noch etwas Interessantes und Neues über die Dichter und Denker zu berichten. Der Spaziergang, veranstaltet vom Historischen Museum, war bei schönstem Sonnenschein ein besonderes Erlebnis. Prädikat: empfehlenswert.

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