Leid und Elend bei der Reise auf den Brocken

„Walpurgisnacht“ feiert Premiere beim Theater Willy Praml

Verunsichert durch Hitlers Selbstmord erschießt ein Reserveoffizier seine Familie. Foto: Rebekka Waitz/ p

Ostend (gre) – Mit „Walpurgisnacht. Eine deutsche Höllenfahrt.“ ist das neueste Werk aus der Regie von Willy Praml betitelt, das am vergangenen Freitag in der Naxoshalle bei der Goethe-Festwoche Premiere feierte. Goethe. Kluge. Müller. Nietzsche. Von diesen Größen hat sich Michael Weber Texte vorgenommen, Originalpassagen zu einem Stück zusammengebaut. Schauplatz: Der Brocken im Harz, an dem Hexen, einer Sage nach, einmal im Jahr zur Walpurgisnacht zusammenkommen.

Im Stück werden laut Praml die Gesetze der historischen Schwerkraft außer Kraft gesetzt. „Über den Rausch wirbelt das Unterste nach oben, kommt Verdrängtes zum Vorschein und Verschüttetes wird freigelegt“, sagt er in einer Einführung vor dem Stück. „Seien Sie nicht erschrocken, es geht zu, wie im Leben“, endet er.

Die Menschen stürmen bei der Premiere in die ausverkaufte Naxoshalle. Als alle Plätze belegt sind, gibt der Theater-Chef das Zeichen. Der Vorhang hebt sich. Das Scharren eines Besens ist zu hören – doch kein Feger zu sehen. Drei Bierzeltgarnituren stehen auf der Bühne. Rechts sitzt ein Berufsoffizier mit Hakenkreuzbinde (Baha Al-Shaar). Er klagt über den Verlust seines Geliebten: „Seit ich ihn verloren hab’, schafft ich auch das Weinen ab.“ Links: Bergleute aus Braunlage. Ihre Köpfe hängen tief, wie nach einer durchzechten Nacht. Sie stimmen das Lied „In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad“ an. Mittig trinken vier Männer Wein. Immer wieder füllt die Bedienung die Krüge auf.

Mephisto in Lederhosen, Faust mit Gold-Leggings

Goethes Mephisto in Lederhosen (Max Rohland) und Faust in goldener Leggings (Michael Weber) treten auf. Als Harztouristen verkleidet, wollen auch sie zur Walpurgisnacht. Sie geraten in Konflikt, werden verfolgt, verstecken sich in einem hölzernen Toilettenhäuschen mit herzförmigem Guckloch, bis dieses letztendlich in sich zusammenfällt. Musikalisch begleitetet wird das Stück von den Schlagzeugern Gabor Kovacs und Josef Schweng. Bevor die Walpurgisnacht mit einer großen Orgie ihren Höhepunkt erlebt, erinnern einige Szenen an längst vergangene Tage. Darunter: Hitlers Selbstmord.

Zeitgleich zur Hexenfeier, schockt die Tat seine Anhänger. So auch einen Reserveoffizier. Dieser beschließt seinem Leben, sowie dem seiner Frau (Birgit Heuser) und seiner Tochter (Lisa Zanaboni), ein Ende zu bereiten. In roten Mänteln laufen die Damen mit Abstand vor ihm her. Ziel: Der Wald. Angekommen schießt der Ledermantelträger. Das Publikum schreckt auf. Die Frauen sind tot – er lebt. „Da war niemand, der ihm befahl, die Mündung des Revolvers an die eigene Schläfe zu setzen“, heißt es im Programmheft.

Stück im Stück erregt Aufmerksamkeit

Es folgt ein Stück im Stück, betitelt mit „Dilettantentheater“. Ein Regisseur sitzt auf der Bühne, liest Anweisungen. Wie Roboter führen die Darsteller die Handlungen aus: Hitler tritt im roten Kimono mit Hakenkreuzen auf. Seine Mutter Germania hilft dem schwangeren Goebbels, Deutschland auf die Welt zu bringen – per Zangengeburt. Nach zwei Stunden schließt sich der Vorhang. Mit Diskussionsstoff entlässt Praml die Zuschauer ins Wochenende. Weitere Vorstellungen sind am 20., 22., 27., 28., 29. und 30. September. Mehr Termine gibt’s unter www.theater-willypraml.de.

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