Automatensprenger wegen versuchten Mordes angeklagt Bundesweites Novum

Menschen hätten sterben können: Fünf Täter haben in der Nacht zum 22. Juni die Geldautomaten der Sparkasse Alt-Fechenheim gesprengt. Bild: sh

Fechenheim (skb) – Die Generalstaatsanwaltschaft hat Anklage gegen sechs mutmaßliche Geldautomatensprenger erhoben. Den sechs Beschuldigten mit niederländischer beziehungsweise marokkanischer Staatsbürgerschaft im Alter von 26 bis 32 Jahren werden das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, gewerbsmäßiger Diebstahl sowie Sachbeschädigung vorgeworfen. Bundesweit ein Novum ist, dass diesmal auch und vor allem versuchter Mord angeklagt ist.

Das Sextett soll 2022 und 2023 für eine Serie von Automatensprengungen in Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verantwortlich sein, laut Anklage „arbeitsteilig und in unterschiedlichen Besetzungen“. Am spektakulärsten war wohl die zuletzt angeklagte Tat in der Nacht auf den 22. Juni vergangenen Jahres, die ganz Frankfurt in Atem gehalten hatte: Bei der Sprengung der Geldautomaten in Alt-Fechenheim entstand ein Schaden von rund 610.000 Euro, die fünf mutmaßlichen Sprenger flüchteten mit einer Beute von rund 200.000 Euro. Ein paar am Tatort zurückgelassene Geldscheine machten kurz darauf noch andere – vermutlich Anwohner oder Passanten – zu Straftätern, und zwar zu Dieben, die das Geld einsteckten.

Auf der Flucht bauten die Automatensprenger bei Bergen-Enkheim, wo die Polizei die Straße abgeriegelt hatte, einen Unfall mit einem Streifenwagen. Vier Männer wurden kurz darauf festgenommen, dem fünften gelang die Flucht in den nahen Wald, was zu einer größeren Suchaktion samt Polizeihubschrauber und Autobahnsperrung führte.

Die Anklage wirft den Angeschuldigten bezüglich dieser Sprengung und einer vom 6. Mai 2023 in Bad Homburg versuchten Mord mit gemeingefährlichen Mitteln vor. Die Täter hätten den Tod von Unbeteiligten billigend in Kauf genommen.

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Der Automat in Bad Homburg befand sich in der Fußgängerzone. In unmittelbarer Nähe liegen Wohngebäude, ein Busverkehrsknotenpunkt und ein Taxistreifen. Der Bereich vor der Bankfiliale wird laut Generalstaatsanwaltschaft gerade „an Wochenenden auch zur Nachtzeit von Anwohnern, Passanten oder Verkehrsteilnehmern frequentiert“.

Der Fechenheimer Automat wiederum „befindet sich in der Altstadt des Stadtteils, in der sich regelmäßig auch zur Nachtzeit unbeteiligte Personen aufhalten. Über der Bankfiliale, im zweiten Obergeschoss, befindet sich eine Wohnung. Um das Gebäude herum befindet sich eine dichte Bebauung, die auch zu Wohnzwecken genutzt wird.“ Tests des bei den Taten eingesetzten Festsprengstoffs auf einem Truppenübungsplatz hatten ergeben, „dass insbesondere der durch die Sprengungen verursachte Splitterwurf eine tödliche Gefahr für Personen in der Nähe des Tatorts dargestellt hätte“. In diesem Jahr gab es in Hessen bislang neun Geldautomatensprengungen, in fünf davon erbeuteten die Täter knapp 380.000 Euro, der entstandene Schaden ist mit mehr als 4,1 Millionen Euro deutlich höher. Momentan sitzen 17 mutmaßliche Automatensprenger in Untersuchungshaft. Die überwältigende Mehrheit der in Deutschland aktiven Automatensprenger stammt aus Holland, vornehmlich aus den Regionen Amsterdam und Utrecht. Aus letzterer stammt auch der Hauptbeschuldigte in diesem Fall, ein 31-Jähriger, dem die Beteiligung an vier Sprengungen vorgeworfen wird. Dass die Holländer, die zur Tatbegehung meist mit hochmotorisierten Autos zwischen Wohn- und Arbeitsstätte pendeln, so gerne nach Deutschland kommen, hat neben der räumlichen Nähe noch andere Gründe. Zum einen ist in Holland – wie in den meisten europäischen Ländern – der Bargeldverkehr aus der Mode gekommen, was sich dort negativ auf Anzahl und Bestückung der Geldautomaten niederschlägt. In Deutschland ist das noch nicht so. Auch ist man mit Sicherheitsvorkehrungen wie Verfärbung oder Verklebung von Geldscheinen oder Vernebelung von Bankfoyers bei nächtlichen Einbrüchen noch nicht ganz so weit wie die Nachbarn, hat dabei aber zumindest stark aufgeholt.

Die Sprengungen der mutmaßlichen Täter im Einzelnen: Am 23. Juni 2022 im rheinland-pfälzischen Jünkerath, 700 Euro Beute, 750.000 Euro Schaden; am 4. März 2023 in Bad Homburg, keine Beute, 115.000 Euro Schaden; am 6. Mai abermals in der Kurstadt, 165.000 Euro Beute, 315.000 Euro Schaden; am 10. Juni in Neu-Isenburg, 205.000 Euro Beute, 280.000 Euro Schaden, am 17. Juni am Hessen-Center in Bergen-Enkheim, 300.000 Euro Beute, 44.000 Euro Schaden; am 19. Juni im nordrhein-westfälischen Wickede, 480 Euro Beute, 405.000 Euro Schaden.