Exposition „Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager“ im Museum in der Karmelitergasse Kämme, Löffel und Zahnbürsten

Christine Glauning (von links), Thomas Kersting und Wolfgang David vor einem Fensterelement des ehemaligen Krankenhauses für Zwangsarbeiter. Bild: Faure

Altstadt (jf) – „Mit der Ausstellung ‚Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager’ eröffnen wir eine neue Dimension“, erklärt Wolfgang David, Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt. Es geht um Geschichte, die noch keine 100 Jahre alt ist, Geschichte, die nicht vergessen werden darf.

„Bereits in den 1990er-Jahren gab es Grabungen im KZ Sachsenhausen und in Rathenow“, äußert David, „da änderte sich etwas im Denken. Archäologie kann mehr zeigen als Berichte es können. Es entstanden auch neue Plätze des Gedenkens. Aber das ist insgesamt ein langer Prozess.“

Die Ausstellung enthält mehr als 300 Objekte aus 20 NS-Zwangslagern in Berlin und Brandenburg. „In und um Frankfurt gab es ebenfalls zahlreiche Lager. Lokale Initiativen interessierten sich dafür, ihnen ist die Einrichtung von Gedenkstätten zu verdanken“, bemerkt der Direktor. „Wir müssen andere Wege der Erinnerung finden, denn Zeitzeugen gibt es kaum mehr. Deshalb spielen originale Objekte, die ausgegraben wurden, eine große Rolle.“

Christine Glauning, Leiterin des Dokumentationszentrums NS Zwangsarbeit in Berlin, nennt Zahlen: „Schätzungsweise 44.000 Lager gab es im nationalsozialistischen Deutschland, in 30.000 Einrichtungen wurden Menschen zur Zwangsarbeit untergebracht. Insgesamt schufteten etwa 13 Millionen Menschen in den Lagern für die Rüstungsindustrie, in der Landwirtschaft, in Privathaushalten und nahezu allen Branchen. Es gab erhebliche Abstufungen, am schlechtesten wurden Menschen aus der Sowjetunion behandelt. Erst 2016 wurde das Leid der Zwangsarbeiter anerkannt.“

Die Ausstellung ist in sieben Kapitel gegliedert, zeigt, wie die Lager verwaltet und wie aus Menschen Nummern wurden, gibt Auskunft zur Ernährung, zur Unterbringung, Kleidung, Hygiene. In einer Abteilung werden Überlebensstrategien und Selbstbehauptung sichtbar, in einer weiteren die Verstrickung der Gesellschaft in das Lagersystem. Außerdem wird in einem Kapitel das Fortbestehen einiger Lager nach Kriegsende beleuchtet.

„Es war für die Zwangsarbeiter essenziell, Briefe zu schreiben und Musik zu machen. Besonders berührend ist ein gummiartiger Kinderflaschen-Saugaufsatz. Wir wissen, dass in manchen Lagern Kinder geboren wurden, ihre Überlebenschancen waren äußerst schlecht. Aber dieses Kapitel ist noch wenig erforscht“, erklärt Glauning beim Rundgang.

Funde von Adress-Schildern halfen auch bei der Aufklärung von Schicksalen. So wurde in Zusammenarbeit mit den Arolsen Archives der Weg des Athener Polizisten Stergios Foufas nachvollzogen. Er überlebte Verhaftung und Zwangsarbeit.

Thomas Kersting bleibt im Museum vor einem Fensterelement stehen: „Das gehörte zum sogenannten ‚Ausländer-Krankenhaus’ in Blankenfelde-Mahlow und landete später in einer Laube. Der neue Gartenbesitzer hat sich an uns gewandt und uns das Element übergeben. So gelangte es in die Ausstellung.“ Genau das ist der Punkt: Seit den 90ern hat langsam ein Umdenken eingesetzt, werden Funde der Geschichte anders wahrgenommen. „Der Börneplatzkonflikt, bei dem es um die Bebauung der ehemaligen Judengasse ging, würde heute anders gelöst“, ist sich David sicher.