Suchtexperten fordern Entkriminalisierung, bessere Suchttherapie bei Inhaftierten und strikte Regulierung „Reform der Drogenpolitik ist überfällig“

Etwa um den Konsum von Cannabis geht es in den Ausführungen von Heino Stöver und Daniel Deimel. Foto: jdr

Frankfurt (red) – Eine grundlegende Reform der Drogenpolitik in Deutschland fordern die Suchtforscher Heino Stöver und Daniel Deimel. „Die Entkriminalisierung der Konsumierenden aller Drogen ist ein längst überfälliger erster Schritt“, sagen sie. Dringend geboten sei zudem eine Neuregulierung des Drogenmarktes sowie eine Fokussierung auf wirksame sucht- und sozialtherapeutische Arbeit im Justizvollzug, um eine Rehabilitation und Resozialisierung von drogenkonsumierenden Strafgefangenen zu ermöglichen.

Stöver, Leiter des Instituts für Suchtforschung Frankfurt an der Frankfurt UAS, und Deimel, Professor für Klinische Sozialarbeit am Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, nennen als weitere wichtige Schritte zur Anpassung der in ihren Augen bislang eher reformresistenten Drogenpolitik in Deutschland: Die Akzeptanz von Drogensucht als Krankheit, eine einheitliche drogenpolitische Linie der Bundesländer, den Zugang drogenabhängiger Gefangener zu Substitution, eine deutliche Aufstockung der finanziellen Mittel durch Umverteilung für Prävention, Beratung und Therapie statt Repression und – im Spannungsfeld von Kontroll- und Hilfestrategien – den Abschied vom Abstinenzdogma.

Im Hinblick auf die von der Ampelkoalition angekündigte Legalisierung von Cannabis legen die Wissenschaftler nicht nur flankierende Vorschläge vor, sondern plädieren zugleich dafür, die Regulierungsdebatte auszudehnen auf weitere Substanzen wie MDMA (bekannt unter anderem als Partydroge Ecstasy).

Die Kriminalisierung – also Strafverfolgung, gerichtliche Befassung, Verurteilung und Inhaftierung – betrifft viele Konsumenten illegaler psychoaktiver Substanzen im Laufe ihrer Konsumphase. Von den – oft abhängig – Konsumierenden von Opioiden (vor allem Heroin), die polizeilich auffällig geworden sind, haben 80 Prozent nach Daten des Robert Koch-Instituts (2016) Hafterfahrungen, das heißt im Durchschnitt zahlreiche Haftaufenthalte über mehrere Jahre. „Auch wenn nur etwa 15 Prozent aller Gefangenen aufgrund von Delikten im Zusammenhang mit dem Betäubungsmittelgesetz in Haft sind, ist davon auszugehen, dass etwa doppelt so viele Gefangene opioiderfahren oder -abhängig sind“, sagt Stöver. Für diese Menschen bringt die Haft gesundheitliche und soziale Probleme mit sich, weil Gefangene nur zu einem geringen Teil von den Fortschritten in der Suchtmedizin profitieren.

Nur etwa 23 Prozent aller in Frage kommenden opioidabhängigen Gefangenen erhalten eine Substitutionsbehandlung – im Gegensatz zu etwa 50 Prozent in Freiheit – und in vielen Fällen nicht das Medikament ihrer Wahl. Der Strafvollzug stehe unter dem Druck der Öffentlichkeit, das Gefängnis als „drogenfreien Raum“ zu gestalten.

Ergänzend zu besseren Hilfsangeboten fordern Stöver und Deimel eine Entkriminalisierung bestimmter Drogendelikte und eine Abkehr von der Repression gegen Drogenkonsumierende.

„Drogenverbot und Abstinenzdogma bewirken eine Tabuisierung“, sagt Stöver. „Konsumierende sind gezwungen, ihren Drogengebrauch zu leugnen und zu verheimlichen. Bei drogenbezogenen Problemen wie Überdosierung, Abhängigkeit, Psychosen oder HIV-Infektionen nehmen sie oft keine Hilfe in Anspruch.“ Dieser Problemkomplex könnte durch einen regulierenden statt ausgrenzenden rechtlichen Umgang aufgelöst werden, so lautet die Empfehlung der Suchtexperten.

Mit der Legalisierung von Cannabis wird ein regulierter Markt für Erwachsene geschaffen. Erwartbare Effekte wären der Zusammenbruch des Schwarzmarkts, der zu erhöhten Steuereinnahmen anstelle von Milliardengewinnen für die organisierte Kriminalität führt, sowie Wegfall der Repressionskosten bei Cannabis und Einsparungen durch weniger Schäden aufgrund von qualitativ schlechten Produkten und falschem Umgang. Der Verkauf solle aber nur in Fachgeschäften mit Fachpersonal geschehen, die Info-Angebote geben und mit der Drogenhilfe vernetzt sind; ebenfalls wichtig sei die Sicherstellung des Jugendschutzs sowie kein Internet- oder Straßenhandel wegen fehlender Beratung; detaillierte Infos in jeder Verkaufseinheit; eine Qualitätskontrolle der Produkte und Altersgrenze von 18 Jahren.