An Georg-Kerschensteiner-Schule testen Azubis französische Sprache Sehnsucht nach Frankreich stillen

Ein fremdes Land lernt man auch durch Erdkunde kennen: Auf einer Frankreich-Karte sollen die angehenden Hotelfachleute die unterschiedlichen Regionen zuordnen. Nicht nur diese Präsentation der Lektorinnen Mathilde Charras (am Boden) und Keelie Steininger (links stehend im blauen Pullover) sollte die Berufsschüler für den Besuch des freiwilligen Französisch-Kurses an der Georg-Kerschensteiner-Schule begeistern. Links hinten Lehrer Francois Julien. Bild: gerth

Obertshausen – Als Julia Schadt dann aus dem Busfenster den Eiffelturm sah, kam ein emotionaler Schauer über sie. „Ich musste weinen.“ 2022 war das, und zehn Jahre lang hatte sie sich gewünscht, einmal nach Paris zu reisen, die Stadt ihrer Träume. Und nachdem sie mit ihrer Mutter endlich dort angekommen war, konnte sie ihr Glück kaum fassen.

Heute ist Julia Schadt 19 Jahre alt, im ersten Lehrjahr als Hotelfachfrau im „Holiday Inn“ Neu-Isenburg – und immer noch verliebt in Frankreich. Sie war also bestens aufgehoben an diesem Vormittag in der berufsbildenden Georg-Kerschensteiner-Schule (GKS). Eine spezielle Französischstunde stand auf dem Stundenplan für lernende Hotelfachleute.

Dafür waren Mathilde Charras und Keelie Steiniger in die Obertshausener Berufsschule gekommen, zwei sogenannte Lektorinnen von „FranceMobil“, einer Bildungsinitiative, getragen vom Deutsch-Französischen Jugendwerk mit dem Ziel, französische Sprache und Kultur auf lebendige Art und Weise zu vermitteln.

Französisch-Unterricht gibt es ohnehin an der GKS, für Azubis ist er freiwillig und „kommunikationsbasiert“, wie es Lehrer Francois Julien erklärt, ein gebürtiger Bretone aus Rennes mit der Statur eines Zehnkämpfers. Denn eine Hotelkraft muss ja nicht unbedingt die Literatur von Jean-Paul Satre im Original interpretieren können, dafür dem Hotelgast etwa aus St. Etienne das Einchecken erleichtern.

Seit 2019 unterhält die GKS eine Kooperation mit „FranceMobil“, einmal im Jahr kommen Lektoren nach Obertshausen, wie an diesem Dienstag. Die Französin Mathilde Charras und die Deutsche Keelie Steininger führen die 17 Azubis spielerisch, aber souverän an die für meisten fremde Sprache heran. Es werden einfache Redewendungen geübt (Ich heiße... Ich arbeite als...) und Quizfragen gestellt (ist Paris größer als Berlin? Antwort: nein), Landeskunde betrieben und Frankreich in einer kleinen Geografie-Einheit erschlossen: Wo ist die Auvergne, wo die Bretagne? Es ist eine Didaktik der praktischen Annäherung an eine andere Sprache, weswegen alle Berufsschüler im Saal schnell ihre Scheu verlieren.

Frankreich und die GKS in Obertshausen – dieses Zusammenspiel funktioniert seit acht Jahren. Seitdem betreibt die Berufsschule eine Partnerschaft mit der Lycée de Gascogne, einer Hotel- und Tourismusfachschule in Bordeaux. Und der Französischlehrer Julien wird an diesem Dienstag nicht müde, für ein Praktikum dort zu werben. Entweder während der Ausbildung (was kaum ein deutscher Betrieb gestattet) oder unmittelbar danach.

Das Angebot klingt verlockend. Zum Eingewöhnen werden deutsche Auszubildende erst zwei, drei Tage in den schuleigenen Gastrobetrieben an den französischen Rhythmus gewöhnt – um dann etwa in dem atemberaubend schönen Fünfsterne-Hotel Grand Barrail Saint-Emilion, gut 40 Kilometer östlich von Bordeaux mitzuarbeiten. Gewohnt wird dort in einem Personalzimmer, der Praktikant darf sich wie in einem Märchenschloss fühlen.

Sogar Geld gibt es – über das Förderprogramm Erasmus+, das von der Europäischen Union zusätzlich zu Erasmus geschaffen wurde, damit nicht nur Studenten, sondern auch Lehrlinge die Chance auf Auslandspraktika bekommen sollen. Ziel ist, dass zehn Prozent der Lehrlinge dieses Angebot nutzen, doch aktuell „sind es vielleicht nur drei Prozent“, sagt Französischlehrer Julien.

Nach neunzig Minuten Unterricht mit Sprachübungen, Informationen über Sternelokale in Lyon und einer fotografischen Rundreise durch das Nachbarland packt Julia Schadt zufrieden ihre Tasche. „Ich konnte alles verstehen, obwohl ich gar nicht Französisch spreche.“ Auch ihrer Freundin Amy Hazel Kaiser ging es so. Also liebäugeln beide jetzt mit Besuch des freiwilligen Französisch-Kurses an ihrer Schule. Und ein Praktikum in Bordeaux? „Finde ich gut“, sagt Julia Schadt. Was sonst, bei einer solchen Sehnsucht nach Frankreich.

Von Steffen Gerth