Mund-Nasen-Bedeckungen erschweren die Kommunikation für Menschen mit einer Hörbehinderung Verständigung fast unmöglich

Für Viktoria Kinkel ist es fast unmöglich mit ihrer Mutter Claudia Meixner zu kommunizieren, da für die Unterhaltung Gesicht und Mund gesehen werden müssen. Foto: m

Obertshausen (m) – Claudia Meixner ist von Geburt an gehörlos. Mit verschiedenen Hilfsgeräten gelingt es ihr, ihre Umwelt bedingt wahrzunehmen. So konnte sie Hauswirtschaft studieren und in der Lederwarenindustrie arbeiten. Doch in der neuen Zeit hindert sie ein kleines Tuch daran, mit anderen Menschen zu kommunzieren: Das in Bussen und Bahnen wie in Geschäften erzwungene Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung verhindert, dass sich die 57-Jährige mit anderen verständigen und sie verstehen kann.

Einkaufen wird in den nächsten Wochen bei 40 Grad sicher kein Vergnügen. Während die Maskenpflicht für die meisten nur ein notwendiges Übel ist, bedeutet sie für eine kleine Gruppe von Kunden ein zusätzliches Problem: Taube und hörgeschädigte Menschen lesen Äußerungen ihres Gesprächspartners von seinen Lippen und über die Mimik ab. Der Virenschutz blockiert diesen Austausch.

Wie kürzlich in einem Baumarkt. Claudia Meixners ebenfalls hörbehinderte Tochter Viktoria Kinkel (31) besucht mit ihrem Vater Rolf Meixner (71) die Holzabteilung, um ein Regal zu kaufen. Die beiden wollten sich beraten, haben dazu die Maske heruntergeschoben. Der ehrenamtliche Helfer der Arbeiterwohlfahrt beherrscht die Gebärdensprache, da auch seine Eltern gehörlos waren.

„Der Verkäufer hat uns fast rausgeschmissen, er schrie uns ganz brutal an“, berichtet der Obertshausener. „Gehörlos? Das interessiert uns nicht“, lautete die Ansage. Die Kunden wurden verpflichtet, zwei große Einkaufswagen Abstand zueinander einzuhalten. „Der Chef hat’s nicht anders erlaubt, ich halte mich dran“, war die knappe Erklärung für den wenig werbewirksamen Auftritt.

In anderen Märkten wird Meixner regelmäßig ausgerufen, um seine Fähigkeiten als Gebärdendolmetscher einzusetzen, wenn’s Schwierigkeiten mit Einkäufern mit Hör-Behinderung gibt. Der kundige Helfer schafft Klarheit mit schnellen Gesten, Hand- und Fingerzeichen, mit einem überdeutlichen Einsatz von Lippenbewegung und Zunge zu den geflüsterten Worten. „Das Problem besteht neuerdings auch bei Unfällen, wenn die Polizisten verlangen, dass alle eine Maske tragen“, schildert der Übersetzer. „Doch selbst im Krankenhaus müssen die Betroffenen ihren Mund-Nase-Schutz abnehmen, um sich halbwegs mitteilen zu können.“ Mit Wiederholungen klappt’s dann meistens.

Normalerweise tauschen sich die Mitglieder mehrere Gehörlosen-Vereine über Probleme im Alltag in ihrem Treffpunkt an der Heusenstammer Straße aus. Doch das ist nicht mehr möglich, weil das über mehrere Jahre sanierte Haus in der neuen Ära geschlossen bleiben muss. „Kontakte finden fast nur über ein Video-Programm auf dem Handy statt“, zeigt Meixner auf das Gerät seiner Tochter. Sie unterhält sich mit Händen und Gesicht vor dem Display.

„Viele Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen haben durch ihre Erkrankung auch Schwierigkeiten, sich in der Schriftsprache auszudrücken“, weiß das kundige Familienoberhaupt. Briefe von manchen Tauben seien schwer verständlich, noch komplizierter sei es für sie, Formulare auszufüllen.

Viktoria Kinkel arbeitet in der Familienhilfe, braucht das Geld dringend, findet aber keinen U3-Platz für ihre 16 Monate alte Tochter Stefanie. Papa Alex Weitzel (36) ist ebenfalls hörgeschädigt und in der Kfz-Branche in Bad Homburg tätig. Die ältere Tochter Clara (8) ist gut versorgt, sie besucht den Sommerhof-Park in Frankfurt für Gehörlose und Hörbehinderte, wird morgens abgeholt und kommt gegen 16 Uhr zurück. Aber wohin mit Stefanie?

„Obwohl die Mama bei der Awo in einem systemrelevanten Beruf tätig ist, bekommt sie keine Betreuung für ihre Jüngste“, kritisiert Meixner. Der künftige Kindergarten-Platz im Awo-Waldkindergarten ist der Kleinen sicher, „aber bis dahin verliert sie die Sprachkenntnisse, die sie bis jetzt erworben hat“, fürchtet Opa Rolf. „Jetzt hätte sie die größte Chance zu lernen, sich mit anderen, sprechenden Kindern zu unterhalten.“

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