Reihe wird am 21. März fortgesetzt Anderer Blick auf Literatur in der Notfall-Apotheke

Jürgen Weiß, Hans-Jürgen Lenhart und Herr Ebu alias Carsten Olbrich (von links) verbreiteten viel Spaß mit ihren Liedern und Texten bei den 60 Besuchern. Foto: p

Großauheim (red) – So gefüllt dürfte eine Apotheke selbst auf dem Höhepunkt der Grippewelle noch nie gewesen sein. Die „Literarische Notfall-Apotheke“ im Großauheimer Café Art war zur Eröffnung der neuen Lesereihe gerammelt voll. Gut 60 Besucher versammelten sich in allen Räumen und zeigten damit, dass Literatur abseits des Mainstreams, Experimentelles, Schräges bis hin zum literarischen Kabarett mehr Interessierte vereint, als man vermuten könnte.

Die „Literarische Notfall-Apotheke“ scheint hilfreiche Mittelchen gegen das Eingefahrene, das allzu Gefällige und das Vorhersehbare in der Literaturszene zu haben.

Hans-Jürgen Lenhart und Jürgen Weiß, stilgerecht als Apotheker verkleidet, eröffneten die Lesereihe mit einem programmatischen Text in diesem Sinne.

Danach zeigte Lenhart, was ein literarischer Notfall ist: Zum Beispiel, wenn einem ein Buch auf den Kopf fällt, weil die Wörter darin einen sprachspielerisch gewürzten Maskenball feiern und „Supi“, die „Stinkbombe unter den Superlativen“ für völlige Verwirrung in der Sprache sorgt. Der für seine Sprachkunst bekannte Lenhart spielte in einem weiteren Teil aber auch mit Motiven Grimm’scher Märchen und verwurstete unter anderem die „Sieben kleinen Geißlein“ und das Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“ zu einer neuen Story.

Jürgen Weiß berichtete Unbekanntes aus der fantastischen Welt der Tiere. Die Lebensgeschichte eines dreibeinigen Halbschäferhundes aus Ostrumänien trieb nicht nur ergriffenen Hunde- und Katzenfreunden Tränen in die Augen. Dazu gab es salbungsvolle Worte für den Großauheimer Bürger, der das Unbeschränkte vielleicht deshalb so liebt, weil er von so vielen Bahnschranken umgeben ist wie sonst kaum ein Ort des Kontinents.

Vielleicht ein Grund, warum diese Lesereihe für literarische Grenzüberschreitungen sich ausgerechnet in Großauheim eingefunden hat.

Und auch Herr Ebu, der schrägste Folklorist seit der Erfindung der Wandergitarre, konterte alle Erwartungshaltungen, die man von Liedermachern haben konnte. Ein Begrüßungslied, das nur aus dem Wort „Hallo“ besteht, war schließlich ein logischer Anfang.

Wie eine Parodie auf die kitschigen „Liebe ist, wenn…“-Cartoons hörte sich sein Lied über die wahre Liebe an. Da übersieht der vernarrte Lover eben schon mal Doppelkinn und Mundgeruch der Angehimmelten. Höhepunkt war zum Schluss die Konferenzschaltung der Fußballradioreportagen zur „Alternativen deutschen Fußballmeisterschaft“ – wortspielerischer Nonsens von Lenhart und Weiß, bei dem das Publikum derart aus dem Häuschen geriet, dass das große Apothekenschaufenster bedrohlich wackelte.

Wer das Unverbrauchte in der Literaturszene sucht, sollte sich, bevor er verzweifelt, in Zukunft im Café Art als literarischer Notfall versorgen lassen.

Die neue Lesereihe wird viel ausprobieren und noch andere literarische Richtungen präsentieren. Am Mittwoch, 21. März, ist, neben den „Notfall-Apothekern“ und Herrn Ebu, die Wiesbadener Jongleurin, Komikerin und Poetin Daniela Daub dabei.

Sie wird ein paar Gedichte ins Publikum werfen und drei Bälle vortragen. Ihre Texte können richtig traurig sein, aber ohne den Humor zu verlieren.

Beginn ist um 20 Uhr und man ist gut beraten, früh zu kommen.

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