Steinheimerin Pascale Klumpp (19) macht nach dem Abitur eine ungewöhnliche Ausbildung / HeimatPost fragt nach Menschen nah sein und auf dem letzten Lebensschritt mit Würde begleiten

Die 19-jährige Steinheimerin Pascale Klumpp hat sich nach ihrem Abitur ihren persönlichen Traum erfüllt und macht derzeit eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Foto: zew

Von unserer Reporterin Elena Wolf

Steinheim – „Welchen beruflichen Weg möchtet ihr nach eurem Abitur einschlagen?“, fragt ein Lehrer des Franziskanergymnasiums Kreuzburg seine Klasse. Eine genauso simple wie vielfältige Frage, auf die seine Schüler mit den verschiedensten Antworten reagieren: Von einem Lehramt- und Jurastudium, bis hin zu einer Ausbildung zur Pflegefachkraft oder zum Elektroinstallateur ist alles vertreten. Doch als Pascale Klumpp aus Steinheim ihre Hand hebt, versetzt sie ihre Klassenkameraden in Verwunderung: „Ich möchte nach meinem Schulabschluss eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft machen.“

Kein Wunder, denn so einen außergewöhnlichen Berufswunsch haben wohl die wenigsten Jugendlichen, ist doch der Tod und jegliche Assoziation oder Auseinandersetzung mit diesem in unserer Gesellschaft fast schon ein „Tabu-Thema“, mit dem doch gerade junge Leute eine Auseinandersetzung bestmöglich vermeiden. Wohl mag der Tod auf den ersten Blick das direkte, abschreckende Gegenteil des Lebens sein, doch ist er bei genauerem Hinschauen nicht vielmehr die unerlässliche Konsequenz daraus?

Persönlichen Traum erfüllt

Während die einen sich dieser Konsequenz nicht bewusst sind oder zumindest nicht sein wollen und dem Tod keinen Raum in ihrem Leben lassen oder jedenfalls nicht lassen wollen, machen die anderen wenigen, wie Pascale Klumpp aus Steinheim, den Tod zu ihrem Lebensunterhalt- und zwar gewollt. Die 19-jährige Steinheimerin hat sich nach ihrem Abitur ihren persönlichen Traum nun erfüllt und macht derzeit eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft in der Pietät Herrmann in Hanau.

„Wenn ich den Leuten erzähle, was ich für eine Ausbildung mache, sind die Reaktionen meistens behaglich, teilweise fast schon geschockt. Doch nach der ersten Reaktion merke ich immer wieder, dass da ganz viel Gesprächsbedarf besteht und die Leute sich durchaus für diese Thematik interessieren.“, erzählt die Abiturientin.

Auf die verwirrte Frage „Wie bist du denn darauf gekommen?“, die meistens unmittelbar folgt, findet die Steinheimerin eine einfache Antwort: „Lange geplant war diese Entscheidung eigentlich nicht. Letztes Jahr habe ich ein zweiwöchiges Praktikum in einem Bestattungsinstitut gemacht, was mich sehr beeindruckt und geprägt hat. Den endgültigen Ausschlag zu der Lehre gab mir tatsächlich ein Buch eines Bestatters aus Berlin: „The End: Das Buch vom Tod“ von Eric Wrede.

Wrede baut nicht nur einen derart persönlichen Bezug zu dem Beruf des Bestatters und seinen Klienten auf, sondern stellt wesentlich in den Fokus, wie man mit seinem Handeln Menschen in Extremsituationen unterstützt und äußert darüber hinaus sogar Kritik am Bestattungssystem in Deutschland.

Sie merkt, was sie stört!

Zunächst fand ich dies verwirrend, aber bei genauerem Nachdenken erschien mir dieser Gedankengang fast schon revolutionär und aus ebendiesen Ansichten, die Wrede im Buch vertritt, entstand einer meiner Träume: Nämlich Bestatterin zu werden.“

Während ihrer Ausbildung (siehe Infokasten) merkt die Steinheimerin zunehmend, was sie an der Bestattungskultur und Gesellschaft stört, nämlich dass „Abschied, Trauer und vor allem das Thema Tod etwas ist, was in unserer Gesellschaft verschwiegen wird. Etwas, was unangenehm ist und vermeintlich nicht zum Leben passt.“, wie sie selbst den Umstand beschreibt, und ist der Meinung, dass „gerade dadurch, dass verdrängt und vergessen wird, dass der Tod vielleicht gerade nirgendwo so dazu passt wie zum Leben, wird auch die Bestattung und die Gestaltung dieser letzten Momente verschwiegen und somit zu einem bürokratischen Akt, was nicht so sein sollte.“

Ganz klar erkennt die junge Steinheimerin so das in Wredes Buch thematisierte Potential einer „Revolution des Bestattungswesens“, „doch wenn man am Bestattungswesen etwas ändern möchte, muss dieser Impuls von Trauernden und Sterbenden kommen oder zumindest unterstützt werden. Denn wenn sich die Gesellschaft für dieses Thema nicht öffnet und sich der Umgang mit dem Tod nicht verändern will, dann können sich meiner Meinung nach auch nur schwerlich die Bestattung und der Umgang mit dem Abschied verändern.“, führt die Auszubildende ihren Gedankengang weiter: „Der Tod und Abschied sollte für jeden so „einzigartig“ werden, wie jeder einzelne von uns auch im Leben ist.“

Ganz klar: Das Thema Tod ist etwas Trauriges, worüber niemand gerne spricht. Ein Beruf soll aber doch Freude bereiten, oder?

Dass es möglich ist, sich an einem Beruf zu erfreuen, dessen einziger Kern Tod, Trauer und schmerzhafte Abschiede darstellt, erscheint an dieser Stelle doch ziemlich paradox? Doch die junge Steinheimerin macht deutlich, was dieser außergewöhnliche Beruf für sie bedeutet: „Ich mache etwas, was nicht jeder macht und das gibt mir viel.

Dieser Beruf birgt so eine enorme Intimität in sich, von der nur wenige Menschen in unserer Gesellschaft wissen. Man ist nicht nur den Trauernden so nah in der Zeit, in der sie Gefühle empfinden, die in unserer Gesellschaft oft auch als Schwäche gelten, sondern kann in dieser schwierigen Zeit eine Stütze für diese Menschen sein und genau das macht mich glücklich.

Man ist dem verstorbenen Menschen so enorm nah in einem seiner letzten Momente, und die Person auf dem letzten Schritt mit Würde zu begleiten, ist für mich eine besondere Ehre und jedes Mal aufs Neue eine individuelle Erfahrung.“, entgegnet die Auszubildende auf den Einwand.

Viele fragen sich, ob bei einem solchen Beruf nicht eine Art Abstumpfung erforderlich ist, um Privates und Berufliches trennen zu können? Auch hier formuliert die angehende Bestattungsfachkraft klare Grenzen: „Natürlich gibt es Geschehnisse, die mich emotional berühren, abgestumpft bin ich keinesfalls. Wäre ich das, könnte ich diesen Beruf so nicht ausüben, denn bei jeglichem Handeln im Umgang mit den Verstorbenen und deren Angehörigen steht Mitgefühl an erster Stelle. Letztlich muss man einfach selbst den richtigen Umgang mit dem Tod erlernen.“

Hier kann ich nicht sein, wie ich bin

Pascale träumt in ferner Zukunft auch von einem eigenen Bestattungsunternehmen, doch ihr ist bewusst, wie viel Verantwortung das mit sich bringt. Ferner ist der Beruf des Bestatters noch immer sehr konservativ und das scheint die junge Steinheimerin zu stören: „Ich liebe meine Tätigkeit, aber hier kann ich nicht so sein, wie ich bin.

So darf ich beispielsweise keine Piercings tragen oder musste mir die Haare färben. Natürlich muss man in diesem Beruf gepflegt aussehen, doch ich finde, es kommt darauf an, wie gewissenhaft ich meine Tätigkeit ausübe und nicht wie ich aussehe. Ob ich bunte Haare habe oder nicht, ist in dieser Hinsicht doch egal.“, merkt sie an.

In jedem Fall zeigt Pascale Klumpp ganz unterschiedliche, neuartige Facetten des Thema Todes auf und bringt den Beruf des Bestatters auf einer persönlichen Ebene nahe: Pascale macht mit ihren Worten gewiss möglich, den Tod und die Vergänglichkeit mit anderen, offeneren Augen zu sehen.

Bestattungswesen revolutionieren?

Wer weiß, vielleicht wird sie es schaffen, das Bestattungswesen eines Tages zu revolutionieren und eine offenere Denkweise im Hinblick auf Tod und Trauer in der Gesellschaft zu etablieren, denn wie formulierte Mahatma Gandhi einst. „Geburt und Tod sind nicht zweierlei Zustände, sie sind zwei Aspekte desselben Zustands.“

Lesen Sie hierzu auch "Störung der Totenruhe"...

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