Mahnwache auf dem Marktplatz am Tag nach dem Anschlag Die Stille in Hanau

Sichtlich bewegt nach dem Anschlag in Hanau: Die Redner auf der Bühne am Marktplatz (von links) Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. Fotos (4): zli

Von Heike BAUER

Hanau – Es ist still in Hanau, absolut still. Selbst der Verkehrslärm scheint an diesem Tag anders und leiser zu sein. Je näher man Richtung des ersten Tatortes „Midnight“ am Heumarkt läuft, desto gespenstischer fühlt sich die Atmosphäre an. 

Automatisch kommen die Gedanken, wie oft man selbst schon die Krämerstraße und den Heumarkt entlang gegangen ist, auf dem Weg in die City, sein Kind in Richtung Forum gefahren hat zum Shoppen oder Treff mit Freunden. Es ist unfassbar sich vorzustellen, dass hier am Abend vorher Menschen erschossen wurden, welches Leid dies für die Familien und Freunde der Opfer bedeuten muss, und in welcher Angst viele unserer Mitbürger im ganzen Land in Zukunft leben werden, noch mehr als zuvor. Ganz abgesehen von den eigenen Ängsten um die gesellschaftliche und politische Zukunft hier in Deutschland.

Der Tatort ist mit Bändern abgesperrt. Sehr viel Polizei und eine Menschentraube an der Kreuzung, Presse, Fernseh-Kameras wohin man schaut. Politiker aus Berlin und der Bundespräsident waren bereits hier.

Die Menschen stehen in Gruppen zusammen, Blumen und Kerzen werden niedergelegt. Trauer und Entsetzen sind überall deutlich spürbar. Auch auf dem Weg zum Marktplatz, wo später die Mahnwache für die Opfer stattfinden wird, begegnet man immer wieder fassungslosen Menschen mit Tränen in den Augen, mit Blumen und noch nicht angezündeten Kerzen in der Hand.

Der Platz mit der Bühne ist bis auf vereinzelte Personen und die Übertragungswagen der deutschen und internationalen TV-Sender noch relativ leer. Später werden es etwa 5.000 Menschen sein, die hier gemeinsam ein Zeichen setzen und mit den Familien trauern. Mitarbeiter der Stadt Hanau zünden Gedenkkerzen an und werden dabei spontan unterstützt von Umstehenden.

Der Platz füllt sich langsam, viele Menschen sind mit ihren Kindern gekommen. Immer mehr Blumen und Kerzen werden an den Sockel des Brüder-Grimm-Denkmals gestellt, dabei wird eine Frau von einem TV-Sender interviewt.

Sie berichtete wie es sich für sie als in Deutschland geborene Türkin anfühlt, wie unfassbar das alles ist, und dass sie sich nie bedroht gefühlt hat bisher. Hanau ist ihr Zuhause, daran wird sich für sie trotz der Morde nichts ändern.

Die Familienangehörigen der Opfer stehen mit deren Porträts in der Hand direkt vor der Bühne und je näher der offizielle Beginn der Gedenkveranstaltung rückt, desto näher rücken auch einige Journalisten - bis die Familien deutlich um mehr Respekt bitten müssen, viele die bis dahin noch gefasst wirken, fangen nun an zu weinen.

Nun betritt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, zusammen mit Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, dem Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky und weiteren Begleitern die Bühne. Alle sind sichtlich bewegt.

Als erstes wendet sich Claus Kaminsky an die Bürger von Hanau und die Angehörigen der Opfer und drückt sein Mitgefühl aus. Ihn habe eine „Welle der Anteilnahme aus ganz Deutschland“ erreicht, „Rassismus und Hass hat keine Zukunft“.

Die Rede von Volker Bouffier wird hingegen von wütenden Zwischenrufen gestört. Dann spricht der Bundespräsident: er findet sehr deutliche Worte über die rechtsextremen Morde und Gewalttaten, erinnert an den Anschlag in Halle und den Mord an Walter Lübcke. „Wir stehen als Gesellschaft zusammen“, er bittet um Rücksichtnahme und Solidarität und weist auf die Verrohung der Sprache hin. Steinmeier bekommt immer wieder deutlichen Applaus für seine klaren Worte.

Am Ende seiner Rede wendet sich eine Angehörige mit lauten Worten an die versammelten Politiker. Sie mahnt, solange man nichts gegen Parteien wie die AfD unternehme, diese weiter legal seien, werde sich nichts ändern und jetzt seien erneut Menschen getötet worden. Man hat den Eindruck, dass der Bundespräsident durchaus etwas dazu sagen will, allerdings gehen die Redner (warum auch immer!?) dann doch recht schnell von der Bühne.

Einige Zuhörer meinen später, dass dies eventuell auch der Grund gewesen sein könne, dass es keine Schweigeminute für die Opfer gibt, dies war wohl vom Großteil der Menschen auf dem Marktplatz erwartet worden.

Auch nach Ende der offiziellen Veranstaltung wird der Marktplatz nicht leer, die Menschen sprechen miteinander über ihre Fassungslosigkeit und Trauer, versuchen so gemeinsam das Geschehene weiter zu verarbeiten. Viele laufen im Anschluss in Richtung Heumarkt, um auch dort noch einmal der getöteten Opfer zu gedenken.

Das Mitgefühl, die Wut und die Trauer um die ermordeten und verletzten Menschen sind sehr merkbar an diesem Abend. Genauso wie der dringende Wunsch, dass die Politik schnell Antworten auf die Fragen findet, wie man die Wurzeln von Rassismus und Terror ausrotten kann in unserem Land und dem rechten Populismus Einhalt gebietet.

Der 19. Februar 2020 hat das Leben in Hanau und seine Bürger für immer verändert, ob man das wahrhaben will oder nicht.

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