Helmut Winter erzählt Ausstellung im Jügesheimer Heimatmuseum

Leder schafft Leidenschaft. Noch heute ist Helmut Winter aus Jügesheim (rechts) von der Lederverarbeitung fasziniert. Im Museum für Heimat- und Erdgeschichte gab es reichlich Gelegenheit zum Fachsimpeln. Hier ist Winter im Gespräch mit Kurt Wolf, ebenfalls ein Kenner der Portefeuiller-Zeiten. Foto: Pulwey

Rodgau (pul) – Im Museum für Heimat- und Erdgeschichte standen bei der jüngsten Ausstellung die Kultur und die Geschichte der Portefeuiller im Vordergrund. Taschen, Gürtel und Portemonnaies aus dem Fundus des Jügesheimers Helmut Winter lagen in den Räumlichkeiten im früheren Schwesternhaus aus.

Bis heute ist die Lederverarbeitung die große Leidenschaft von Helmut Winter. Bis vor Kurzem war der 85-Jährige immer noch in seinem Beruf aktiv. „Ich arbeite immer, aber nicht für den Verkauf“, sagte der Portefeuiller. Auch denkt er gerne zurück an die Anfänge in seinem Beruf: „Ich wollte es gar nicht werden“, plaudert Helmut Winter gerne aus den Zeiten seiner Jugend. Zwar hatte er durch seinen Vater Kontakt zu dem Handwerk, sein Wunsch war es aber, Tierarzt zu werden.

Der Grund für die Meinungsänderung lag im Pragmatischen: „Es war damals die Zukunft, es war die Branche“. Sein erster Job bei der Offenbacher Firma F. Michaelis Nachfolger war die Produktion von Damentaschen. An seinen ersten Arbeitstag in Offenbach kann sich Helmut Winter bis heute erinnern. Es war der 3. September 1945. Die Lederstadt lag damals noch in den Trümmern des Krieges. 1981 wurde die Firma geschlossen. In den Jahrzehnten dazwischen führte Helmut Winters Beruf ihn 1958 zur Weltausstellung nach Brüssel.

Für den gebürtigen Jügesheimer ist Leder mehr als nur ein Werkstoff, es ist die große Leidenschaft. Beim Fachsimpeln mit den Besuchern der Ausstellung spielten die Verarbeitungsweisen, die Materialbeschaffenheit und die Anekdoten aus der guten alten Zeit die Hauptrollen.

Wie tief die Lederverarbeitung in der Region verwurzelt war, zeigt sich auch in Hermann Bonifers Buch „Jügesheim und St. Nikolaus“. Dort beschreibt der Autor die Geschichte des Gewerbes in und um Jügesheim. Von Wien ausgehend fasste 1776 die Industrie in Offenbach Fuß. Nach Jügesheim kam das Handwerk zunächst über die Heimarbeiter für die Offenbacher Betriebe.

Manche arbeiteten in einem Arbeitsverhältnis mit gezahlten Sozialleistungen, andere wiederum, die sogenannten Zwischenmeister, waren Selbstständige und erhielten pro gefertigtes Werkstück einen festen Preis. Die Hochzeiten des Portefeuillershandwerks erlebte Rodgau in den 1960er und 1970er Jahren.

Wie stark Rodgau und Jügesheim von dieser Epoche geprägt ist, zeigen bis heute die Immobilien jener Betriebe. Die ehemaligen Werk- und Wohngebäude der Firma Reinhard & Eberhard sind Teil der Rodgauer Geschichtspfade. Im gleichnamigen Faltblatt wird auf das Gebäudeensemble in der Weiskircher Straße 68-72 hingewiesen.

Josef Herbert Spahn (Vorsitzender des Heimatvereins Jügesheim) blickt noch heute mit Respekt auf das Gewerbe und die tüchtigen Arbeiter zurück. Das Leder und das Lederhandwerk nimmt in der Historie Rodgaus und Jügesheims eine ganz außerordentliche Rolle ein, so Spahn. Es hat Spuren in der Region hinterlassen, deshalb hat die Branche auch ihren Platz im Jügesheimer Museum für Heimat- und Erdgeschichte gefunden.

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