Visionen sind noch lebendig Jugendcafé Oberrad feiert 40-jähriges Jubiläum

Der Mitbegründer des Jugendcafés Oberrad Ralf Hölzl (von links) mit den Hauptamtlichen Karin Deuchert-Kaiser, Ehrfried Schenk und Janet Cicecki am herbstlich-festlich geschmückten Empfangsbereich des Jugendcafés Oberrad. Foto: Wetzel

Oberrad (ucw) – Februar 1976. Ein altes Fabrikgebäude in der Offenbacher Landstraße 368 öffnete erstmals die Türen für Jugendliche in Oberrad, „um ihnen außerhalb von Vereinen oder Gemeinden einen Raum zu bieten, den sie selbst mitgestalten können und in dem entstehen soll, was notwendig ist“, beschrieb Ralf Hölzl den Grundgedanken. Er hätte zu diesem Zeitpunkt nie damit gerechnet, 40 Jahre später noch immer im Jugendcafé Oberrad zu sitzen, wenn auch nun in der Wiener Straße 57. „Wir konnten nicht einschätzen, ob das Projekt überhaupt einige Jahre lang besteht“, sagte er kürzlich beim 40-jährigen Jubiläum einer der wichtigsten Einrichtungen für Kinder und Jugendliche in Sachsenhausens Nachbarstadtteil.

Er und seine Mitstreiter waren völlig unbefangen an die Verwirklichung ihrer Vision herangegangen. Die kleine Gruppe junger Leute, zumeist Studenten, nutzte die damalige Aufbruchstimmung, die Offenheit für gesellschaftliche Veränderungen – „ein kostbares Zeitfenster“, so sieht es der Gründer der „Initiativgruppe Jugendzentrum Oberrad e.V.“ heute. 1973 begann er mit einer Handvoll Gleichgesinnter, die Idee eines selbstverwalteten Jugendzentrums in die Tat umzusetzen.

Selbstverwaltet ist das Jugendcafé Oberrad bis heute, eigenständig in seinen Entscheidungen trotz Vollfinanzierung durch die Stadt. Finanzielle und bürokratische Hürden wurden zu Beginn leicht überwunden, „weil wir uns mögliche Konsequenzen oft nicht vorab überlegten“, berichtete Ralf Hölzl. Auch wenn sich seitdem viel geändert hat, lebt das Prinzip nach wie vor: die gemeinsame Gestaltung des Angebotes mit den Kindern und Jugendlichen, die Orientierung an der Lebensrealität sowie finanzielle und inhaltliche Transparenz.

Weggefährten feiern mit

Etliche Weggefährten der ersten Jahre hatten sich zum Jubiläum eingefunden, unter anderem Dieter Wrobel, Hartmut Weber sowie Liane und Henry Alt, die sich im Jugendcafé Oberrad kennenlernten. Erinnerungen an gemeinsame Unternehmungen, Reisen und Veranstaltungen wie zum Beispiel die legendäre Freitagsdisko, Nachdenklichkeit und die Freude über das „Geschenk, aus dem Nichts heraus etwas gestalten zu können, was solchen Bestand hat“ hielten sich die Waage. Bei aller Nüchternheit des Resumierens überwog an diesem Festtag die positive Stimmung. Kein Wunder, trägt doch gerade der familiäre Charakter dieser Einrichtung wesentlich zu deren Gelingen bei. Das zeigt sich besonders in der geringen Fluktuation.

Karin Deuchert-Kaiser und Ehrfried Schenk betreuen seit mehr als 30 Jahren hauptamtlich die täglich bis zu 100 Besucher des Jugendcafés, Janet Cicecki ist seit 23 Jahren dabei. Sie bieten mit dem Jugendcafé einen Anlaufpunkt zu Vertrauenspersonen, einen sicheren Rahmen, in dem die jungen Menschen offen reden und sich austauschen können, helfen bei Hausaufgaben, Berufswahl, Stellensuche, familiären und kulturellen Problemen – bei den zur Hälfte muslimischen jungen Leuten im Jugendcafé besonders wichtig, vor allem, wenn es um eine mögliche Hinwendung zu extremen Organisationen geht. Sie bieten auch zahlreiche Aktivitäten an, von der vor Jahrzehnten von Henry Alt gegründeten Fußballgruppe bis hin zum Fitnesstraining, vom Kochen bis zu Mädchen- und Jungengruppen.

Wie eine große Familie

Die Jugendlichen sind in ihrer Verbundenheit ebenso beständig: Erdem, der gemeinsam mit Kadir, Ekrem und Stefan bei einer Kochvorführung köstliche Appetithäppchen für den 40. Jahrestag zubereitet hatte, ist seit 15 Jahren präsent, seine Kameraden seit acht, zehn oder zwölf Jahren. „Wir sind hier eine große Familie und helfen uns gegenseitig“, beschrieb er das allseits vorherrschende Zusammengehörigkeitsgefühl. Jüngere Jugendcafégäste fragen die älteren um Rat, ältere gehen auf die jungen zu, unterstützten sie bei Bewerbungen, bringen ihnen das Billardspielen bei oder beraten sie im Sportkeller bei den Übungen an verschiedenen Geräten. Davon konnten sich auch die geladenen prominenten Gäste überzeugen, wie die Vorsitzende des Vereinsrings Oberrad Christa Giar sowie der aktuelle Kinderbeauftragte Roland Limberg. Sie feierten die Leistung des Jugendcafés Oberrad bei Kaffee und einer riesigen Auswahl von Kuchen, beigesteuert von Karin Deuchert-Kaiser, die sich für die Zukunft hauptsächlich eines wünscht: die Akzeptanz von Nachbarschaft und Eltern erhalten zu können. Ralf Hölzl kommentierte: „Ich freue mich für die Jugendlichen und meine Kollegen. Der Geist von damals lebt weiter.“

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