Florian Sitzmann, Autor des Buches „Der halbe Mann“ berichtet schonungslos offen über sein „neues“ Leben nach einem Motorrad-Unfall „Du hast keine Beine, dann musst Du Dir auch nicht die Schuhe binden!“

Voll besetzt war das evangelische Gemeindezentrum an der Uhlandstraße in Hainstadt bei Besuch von Florian Sitzmann, dem „Halben Mann“, der schonungslos offen über sein „neues“ Leben berichtete. Foto: Veranstalter/privat

Hainburg (red) – Es ist kurz vor Mitternacht, am 31. August 1992, als Florian Sitzmann um sein Leben kämpft. Stunden zuvor tritt er als Sozius auf einem Motorrad die Heimreise aus den Niederlanden an. Sein älterer Freund Stefan fährt die Maschine. Mehrere 100 Kilometer sind sie unterwegs. Vollkommen übermüdet halten sie an der Raststätte Hunsrück-Ost, an der Autobahn 61. Nach kurzer Pause steigen Florian und Stefan wieder auf die Maschine. Weit kommen sie jedoch nicht. Stefan begeht einen fatalen Fehler: Auf dem Beschleunigungsstreifen steuert er die Maschine zu früh in Richtung Fahrbahn - ohne den Lkw zu bemerken, der neben ihnen fährt. Das Motorrad touchiert den 40-Tonner, verliert die Bodenhaftung und rutscht weg. Stefan bleibt unbeschadet. Florian hingegen wird von den Achsen des Lkw überrollt.

Heute, nach unzähligen Operationen und langen Jahren Kampf steht Florian Sitzmann „mit beiden Beinen im Leben“. Er ist verheiratet und lebt in Roßdorf bei Darmstadt. Er hat drei Kinder: Emely ist zwölf Jahre, die Zwillinge Hanna und Georg sind vier Jahre alt. Auf Einladung der Hospizgruppe Seligenstadt und Umgebung kam er nach Hainburg und erzählte seine Geschichte. Er las mit musikalischer Unterstützung seines Freundes, des Sängers und Songwriters Jörg Schreiner, aus seinen Büchern und kam mit den zahlreichen Besuchern ins Gespräch. Trotz Hainburger Markts und dem DFB-Pokalfinale war das evangelische Gemeindezentrum voll gefüllt. Sitzmann fragt, ob eine Simone unter den Besuchern ist, denn eine Krankenschwester mit Namen Simone hatte ihn, nachdem er aus dem künstlichen Koma erwachte, so gut zugesprochen, dass er schockverliebt war, wie überhaupt er seine Ärzte und Helfer in der Zeit der Krankenhausaufenthalte und der Reha-Maßnahmen als Geschenk betrachtet und es als Glück ansieht, dass er diesen schweren Unfall überhaupt überlebt hat. Nach dem Unfall 1992 schien der damals 15-Jährige am Tiefpunkt seines Lebens angekommen zu sein. Doch Florian Sitzmann sah es als zweite Chance und gestaltete es nach seinen Vorstellungen.

An diesem Abend beleuchtet er unterschiedliche Lebensphasen und vermittelt den Zuhörerinnen und Zuhörern auf charmante und ehrliche Weise, über welche Dinge es sich aus seiner Sicht lohnt intensiver nachzudenken. Er stammt aus einer starken Familie, die ihm in der schwierigen Zeit Rückhalt gegeben hat. Er wusste nach zwei Wochen: Mit dem Schicksal zu hadern, bringt nichts. Also hat er nach vorn geschaut und hat sich, wie er sagt, in Wellen nach oben entwickelt. Auch heute gibt ihm seine eigene Familie Kraft. Seine Tochter Emely geht mit seiner Behinderung spielend um: Du hast keine Beine, dann musst Du Dir auch morgens nicht die Schuhe binden! Sein erstes Buch veröffentlichte er 2009: „Der halbe Mann, dem Leben Beine machen“ aus dem er vorliest. Eine positive Biografie, die Mut macht. Mut, sich zu trauen, weiter an sich zu glauben und nach vorne zu blicken. Er ist standhaft geblieben - auch ohne Beine und er nutzt seine einzigartige Geschichte, um seine Mitmenschen zu motivieren, um ein Vorbild zu sein. Für alle, mit und ohne Handicap.

Mit dem ihm eigenen Humor erzählt er vom Kontakt mit seinen Mitmenschen. So kommt eine Frau in einem voll besetzten Saal nicht an ihm vorbei ohne ihn zu touchieren und sagt zu ihm: „Ach, bleiben sie ruhig sitzen.“ Oder ein anderer Mann: „Oh, Sie haben keine Beine, aber essen dürfen Sie alles?“

Anfang 2012 kam dann sein zweites Buch: „Bloß keine halben Sachen - Deutschland ein Rollstuhlmärchen“. Nach über zwanzig Jahren im Rollstuhl hat er viel erlebt und spricht auch Missstände an. Er beschreibt, wie schwierig es teilweise für Menschen mit Einschränkungen ist zu reisen und beschreibt seine Erfahrungen mit der Deutschen Bahn.

Im Jahr 2000 begann er verschiedene (Behinderten-)Sportarten auszuüben. Seit 2002 ist er erfolgreicher Handbiker mit mehreren Titeln als Deutscher Meister, einer WM-Silbermedaille und einer Teilnahme bei den Paralympics 2004 in Athen. Als Höhepunkt seiner Karriere sieht er seine Teilnahme an dem 540 Kilometer langen Styrkeproven-Rennen von Trondheim nach Oslo im Jahr 2006 an, das er nach 30 Stunden und 30 Minuten nonstop abschloss. Sein Handbike-Rekord auf dieser Strecke ist bis heute ungebrochen.

Eine Lebensgeschichte so offen und ehrlich und dabei völlig unpathetisch. Dass ein Mensch, der Solches erlebt hat, es schafft, anderen Menschen Mut zu machen ist großartig und beeindruckt die zahlreichen Besucher. Und dieser Humor. Keine abgeschmackte Schicksalsbeschreibung, sondern ein richtiger Mutmacher für alle an diesem Abend. Ein starker Typ.

Sitzmann unterstützt ein soziales Projekt, das Kinder stärkt, die sich auf Ihrem Weg zurück ins Leben befinden.

Die Hospizgruppe Seligenstadt und Umgebung wird die Hälfte der an diesem Abend eingegangenen Spenden für dieses Projekt zur Verfügung stellen.

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