Möbel einer jüdischen Familie erinnern an Flucht Wohnzimmer voller Erinnerungen

Die Kleeblatts aus Seligenstadt: Adolf, Herta, Kurt, Rosi-Hansi, Meta. REPRO: Hofmann

Seligenstadt – Als Herta Kleeblatt im Jahr 1936 vor dem Naziregime aus Seligenstadt in die USA flüchtete und später den aus Wien über Frankreich entkommenen Erwin Glück heiratete, konnte sie nicht ahnen, dass ihre Möbel eines Tages die Heimreise nach Europa antreten und dort ihre Geschichte erzählen würden.

Die Familie Glück zählte zu den wenigen Juden in Wien, die ihre Einrichtung vor der „Arisierung“ retten konnten. Erwin Glück brachte die Möbel mit nach New York. Henry Glück, Hertas Stiefsohn, schenkte die Stücke nach der Auflösung der New Yorker Wohnung schließlich dem Jüdischen Museum in Wien. Dieses widmete der Familie unter dem Titel „Das Wohnzimmer der Familie Glück“ eine sehr persönlich Ausstellung über Wohnen, Flucht und Migration im 20. Jahrhundert. Hildegard Haas, Mitverfasserin des Buches „Stolpersteine in Seligenstadt“, hat das Schicksal der Familien Kleeblatt und Glück weiter verfolgt und für unsere Zeitung zusammengefasst.

Herta Kleeblatt wurde am 22. Januar 1913 in Seligenstadt geboren. Sie war die Tochter von Adolf Kleeblatt, der zu einer alteingesessenen jüdischen Familie gehörte. Er betrieb mit seiner Frau Meta ein Eisen-, Möbel- und Manufakturwarengeschäft im Eckhaus Freihofstraße/Kleine Maingasse. Bruder Kurt Kleeblatt war ein ausgezeichneter Sportler und im Verein engagiert.

Die zunehmende Entrechtung, Bedrohung und Verfolgung durch die antijüdischen Gesetze und Verordnungen des Naziregimes sowie böse Erfahrungen von Ausgrenzungen und Schikanen durch Jungnazis in Seligenstadt veranlassten Meta, ihre Kinder zur Ausreise zu drängen.

Schon in den ersten Wochen nach Hitlers Machtantritt 1933 begannen die Aktionen gegen Juden mit Anfeindungen, Gewalt und Boykott jüdischer Geschäfte. Es folgten unzählige Gesetze und Verordnungen, die zum Ziel hatten, die Juden vom gesellschaftlichen Leben auszuschließen, nach und nach das Ausüben ihrer Berufe zu untersagen und die Schulbildung der Kinder zu verhindern. Im Jahr 1935 wurden die sogenannten „Rassegesetze“ erlassen, in denen Juden als minderwertig und einer zu verachtenden Rasse angehörig dargestellt werden. Jeglicher Kontakt mit ihnen wurde untersagt und als Rassenschande unter Strafe gestellt.

Herta Kleeblatt verließ mit ihrem Bruder Kurt 1936 Deutschland, es folgten 1937 ihre Schwester Rosi-Hansi und 1938 die Eltern Adolf und Meta.

Herta heiratete in den USA Erwin Glück, der sich dann Irving Gluck nannte. Sein Schicksal begann in Wien, wo sein Kürschnergeschäft nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 „arisiert“ wurde. Ihm gelang die Flucht bereits im April 1938 nach Frankreich und von dort in die USA. Es gelang ihm zudem, seine Möbel nach New York zu bringen.

Seine Frau Lily und der 1934 geborene Sohn Henry konnten erst im März 1939 ausreisen. Lily Glück wurde in Nizza von den Nazis verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Sohn Henry konnte nach der Deportation seiner Mutter 1942 in einem von Dominikanern geführten Internat versteckt werden. Dieses Internat steht auch im Zentrum des Films „Auf Wiedersehen Kinder“ von Louis Malle (franz. Original „au revoir les enfants“). Danach wurde Henry von der französischen Familie Vigué aufgenommen und lebte in Aix en Provence unter falscher Identität.

1946 fand Vater Erwin über eine jüdische Hilfsorganisation seinen Sohn Henry wieder. Dieser lebte dann eine Zeit lang mit seinem Vater und seiner Stiefmutter Herta in New York, bevor er 1957 zum Studium nach Frankreich zurückkehrte, wo er heute noch lebt.

Herta Kleeblatt Glück starb 2012. Norman Kleeblatt, ein enger Verwandter von Herta Kleeblatt und Chefkurator des Jewish Museum New York, konnte zusammen mit Henry Glück erreichen, dass die Wohnzimmereinrichtung der Familie Glück nach Wien zurückkam. Dort ist sie nicht nur ein Beispiel für die Wohnkultur der zwanziger Jahre, sondern erzählt auch die Geschichte von Ausgrenzung, Hass, Neid, Bedrohung und Flucht.
 red

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