Die Engländerin Janet Seymour, Gründerin der örtlichen Ballettschule, besucht alte Heimat Am Anfang war die Doppelgarage

Tanzen verbindet – und das seit vielen Jahren: Vor 20 Jahren übernahm Sim Aktel-Saberi (links) die von Janet Seymour gegründete Ballettschule. Bild: schmedemann

Dietzenbach – Mit leuchtenden Augen verfolgt Janet Seymour die Bewegungen der jungen Tänzerinnen. Dann ruht ihr Blick auf Sim Aktel-Saberi, Inhaberin der Ballettschule am Theodor-Heuss-Ring 50. „Schaut mal, das war meine Lehrerin, als ich so alt war wie ihr“, sagt sie zu den sechsjährigen Mädchen und lächelt Seymour an. Vor 20 Jahren hat die heute 64-Jährige ihrer ehemaligen Schülerin die Einrichtung übergeben, als die Engländerin in ihre Heimat zurückgekehrt ist. „Die Buchhaltung lief dann noch eine Weile über meinen Küchentisch in England“, sagt Seymour lachend. „Verrückte Zeit.“ Die Engländerin kam 1979 in den Kreis Offenbach – mit einer Mission. Der deutsche Ableger der „Royal Academy of Dance“, kurz RAD (siehe Infokasten), wurde gerade gegründet. „Ich war damals eine von vier Lehrkräften, die das Konzept hier in Deutschland etablieren sollte“, berichtet Seymour. So unterrichtete sie zunächst in verschiedenen Schulen im Kreis, der Traum einer eigenen Ballettschule keimte schon währenddessen. „Es war nicht leicht, eine passende Räumlichkeit zu finden“, erinnert sich die 64-Jährige.

Fündig wurde sie erst Mitte der 1990er Jahre in der Philip-Reis-Straße, ein Haus mit Doppelgarage. „Die haben wir dann zur Schule umgebaut“, sagt sie. Mit Ballettstangen, großen Spiegeln an der Seite und Schiebefenstern anstatt Garagentoren. Sie schwärmt: „Das war im Sommer immer so schön, wenn alles offen war.“ Mitte der 80er Jahre hat sie sich in Dietzenbach niedergelassen, geheiratet und ist zweimal Mutter geworden. Seit ihrer Rückkehr in die englische Heimat besuchte sie ihre deutsche regelmäßig, um alten Freunden und ihrer Nachfolgerin Hallo zu sagen. „Dietzenbach hat sich über diese Zeit so verändert – ich finde das toll“, schwärmt Seymour. Insbesondere der „Neuen Stadtmitte“ habe die Engländerin beim Wachsen zugesehen. „Es kamen einige Kindergärten und Schulen dazu“, schwärmt die Tanzpädagogin. Wo früher nur Feld war, haben sich links und rechts der Offenbacher Straße Wohnquartiere gebildet. So habe sie zudem im Rohbau des Capitols gestanden und damals unter der Kuppel einen Entschluss gefasst: „Ich habe die Balken gesehen und wusste, dass ich dort mal auftreten will.“

Und diese Idee wurde Wirklichkeit: Bis heute gehören die Auftritte der Ballettschule, die Seymour ins Leben gerufen hat, alle zwei Jahre zur festen Größe der Dietzenbacher Kulturlandschaft. In diesem Jahr hat Aktel-Saberi die „Eiskönigin“ auf die Bühne gebracht. „Die ersten Aufführungen haben auf dem Wingertsberg stattgefunden“, sagt Seymour.

Im Dezember 2003 stand Seymour mit „Cinderella“ ein letztes Mal auf der Capitol-Bühne. Zum Jahreswechsel hat sie die Schule an ihre ehemalige Schülerin Aktel-Saberi übergehen. „Dass ich heute hier sitzen kann, ist für mich das größte Glück“, sagt Seymour. Bis heute verbindet die beiden Tänzerinnen eine enge Freundschaft. Seit 2006 führt Aktel-Saberi die Schule unter ihrem Namen, inklusive Umzug in den Theodor-Heuss-Ring. „Ich hatte schon länger ein Auge auf das Gebäude geworfen“, verrät Seymour.

Immer wieder schweift der Blick hinüber zu den Mädchen im Tutu. „Wer weiß, vielleicht ist unter ihnen eine nächste Tanzlehrerin“, sagt sie. „Unglaublich, wie viele Profitänzer durch unsere Hände gegangen sind.“

Inzwischen hat sie ihre englische Tanzschule ebenfalls einer ehemaligen Schülerin vermacht, ist selbst nur noch stundenweise als Angestellte dabei. Dennoch würde sie gerne den Schüleraustausch zwischen ihren beiden Schulen wiederbeleben, der bis zur Pandemie jährlich zu Ostern stattgefunden hat. „Ich war zuletzt 2018 hier – beim nächsten Mal lasse ich mir nicht mehr so viel Zeit“, verspricht die Engländerin.

Von Lisa Schmedemann