Zu Besuch beim Karate-Dojo Dietzenbach „Die Hüfte ist der Motor“

Kampfbereit in Position: Karate-Trainer Jamal Laudiai (Mitte) hat beim Training des Dojo Dietzenbach alles im Blick.

Dietzenbach – Das rechte Bein nach vorne, die Fäuste befinden sich in Abwehrhaltung auf Brusthöhe. Eine typische Karatehaltung, wie man sie als Laie kennt. Mein Gegenüber fixiert mich mit scharfem Blick – ehe eine Faust in Richtung meines Gesichtes saust. Das Ziel ist die Handfläche einer weiteren Karateka, die sie hinter meinen Kopf hält und den Schlag aufnimmt. Ich weiche aus, indem ich mich zur rechten Seite verbiege – ein Anfängerfehler. Aber man sieht’s mir nach – als Gast beim Verein Karate-Dojo Dietzenbach.

„Oh, ich musste abbremsen, sonst hätte ich dich getroffen“, meint die Kämpferin. Doch das hat sie natürlich nicht. Denn im Gegensatz zu beispielsweise Thai-Boxen gibt es im Karate keinen Körperkontakt: Faust- und Fußstöße werden abgestoppt, ehe sie den Trainingspartner berühren beziehungsweise verletzen können. „Das erfordert viel Selbstbeherrschung“, erläutert der Trainer und Vereinsvorsitzende Jamal Laudiai. Und diese Fähigkeit legt die Karateka dann an den Tag, wenn ich als Laie vor ihr stehe. Die anderen Pärchen, die gemeinsam trainieren, sind deutlich flotter unterwegs – auch beim Ausweichen. Die Kampfsportart basiert auf Schnelligkeit, Kraft und Perfektion kombiniert mit einer guten Portion Selbstdisziplin und dient in erster Linie der Selbstverteidigung. „Die Hüfte ist der Motor“, erläutert mir der Braungurt Felix Schmid. Mit diesem Tipp klappt das Ausweichen auch gleich besser. Beim nächsten Versuch lande ich schließlich in der richtigen Position und kann selbst ausholen – doch mit der Faust in die Richtung eines Gesichtes schlagen? Das stellt für mich die nächste Hürde dar.

Dass man während des Trainings ins Schwitzen kommt, habe ich erwartet. Dass aber so viel Hirnschmalz vonnöten ist, hingegen nicht. Die festen Bewegungsabläufe geben Aufschluss darüber, warum man Karate als Kampfkunst bezeichnet; was von außen betrachtet so leichtfüßig erscheint, erfordert – zumindest am Anfang – viel Konzentration. Die Trainingsstunde für die Kampfform „Kumite“, was aus dem Japanischen übersetzt „Begegnung der Hände“ bedeutet, wird eigentlich von fortgeschrittenen Karateka besucht, die die Grundausbildung, das Kihon, bereits absolviert haben.

Der Ober-Rodener Michael Tschiedel ist mit seiner Frau Ann-Christin erst seit ein paar Monaten dabei. Auch wenn es gerade am Anfang viel Denkarbeit sei, sei es trotzdem ein guter Ausgleich zum Berufsalltag. „Im Fitnessstudio habe ich nie den Kopf freibekommen“, beschreibt er, „aber hier habe gar keine Zeit, über etwas anderes nachzudenken“. Abends vorm Einschlafen noch einmal die japanischen Namen der Techniken durchzugehen, sei entspannender, als über den nächsten Arbeitstag zu grübeln.

Übungsleiter Jamal Laudiai hat den schwarzen Gurt, er ist zudem hessischer Landestrainer im Bereich Kumite und bildet mit seinem Dojo den Landesstützpunkt Südhessen. „Jeden Mittwoch trainiert der Kader bei uns für Wettkämpfe“, informiert Laudiai.

Der Dietzenbacher hat selbst im Alter von neun Jahren angefangen. Sein Glück, wie er beschreibt. „So bin ich als Jugendlicher auch nicht auf dumme Gedanken gekommen“, meint der heute 44-Jährige. Als er 2011 den Verein beziehungsweise den Dojo gegründet hat, war auch das seine Absicht: „Man muss der Jugend eben etwas bieten, daneben ist es integrative Arbeit.“ Inzwischen ist der Verein auf 150 Mitglieder, darunter sechs Trainer, angewachsen. Auf den Respekt, der in der japanischen Kampfkunst üblich ist, legt der Schwarzgurt ebenfalls großen Wert. Nichtsdestotrotz kommt die Herzlichkeit im Verein nicht zu kurz; es herrscht eine familiäre Atmosphäre. „Hauptsache, die Leute haben Spaß“, sagt er.

Von Lisa Schmedemann