Ausstellung im Museum für Heimatkunde und Geschichte widmet sich der Geschichte der Gastarbeiter in Dietzenbach

„Nicht die Mutter aller Probleme“

Bei einer Ausstellung im Museum für Heimatkunde und Geschichte in der Darmstädter Straße 7+11 in Dietzenbach können Besucher derzeit einen Einblick in die Geschichte der Gastarbeiter bekommen. Die Eröffnung war aber auch geprägt vom ganz aktuellen Zeitgeschehen. Foto: Wittekopf

Dietzenbach (bw) – Bei einer Ausstellung im Museum für Heimatkunde und Geschichte in der Darmstädter Straße 7+11 in Dietzenbach können Besucher derzeit einen Einblick in die Geschichte der Gastarbeiter bekommen. Die Eröffnung war aber auch geprägt vom ganz aktuellen Zeitgeschehen.

„Mein Blut fließt dort, wo meine Kinder sind“, antwortet Nicola Elmi auf die Frage, ob seine Heimat eher Deutschland oder Italien ist. Er ist einer der vielen „Gastarbeiter“, die in den sechziger Jahren nach Deutschland gekommen sind. Sein Weg hat ihn letztlich nach Dietzenbach geführt und er ist geblieben.

In den Jahren von 1950 bis 1970 boomte die deutsche Industrie und Hilfskräfte wurden dringend gesucht. Um Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, der Türkei oder Spanien nach Deutschland zu werben , wurden ab 1955 Anwerbeabkommen zwischen den Ländern geschlossen.

Der Ausländerbeirat Dietzenbach (ALB) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der Gastarbeiter in Dietzenbach aufzuarbeiten und in einer Ausstellung unter dem Namen „Neue Heimat Dietzenbach 2.0 - Auf den Spuren der ersten Gastarbeiter“, zu präsentieren. Sie baut auf der Arbeit von Günter Jahn, Gisela Mauer Dorothea Kutschera auf und ist durch die enge Zusammenarbeit zwischen dem Heimat- und Geschichtsverein Dietzenbach und dem Ausländerbeirat Dietzenbach zustande gekommen.

Die Gastarbeiter lebten in ihren Ländern oft in armen Verhältnissen, deshalb machten sich viele Tausende auf den Weg, um in Deutschland Geld zu verdienen. So wie Elmi, der mit seinen sieben Geschwistern in der Gegend von Bari lebte. Sein Bruder arbeitete bereits in einer Gärtnerei in der Nähe von Frankfurt und animierte ihn, ebenfalls nach Deutschland zu kommen.

Eigentlich sollten die „Gastarbeiter“ nach Ablauf ihres Vertrages wieder zurück in ihre Heimat gehen, doch sehr viele haben sich entschlossen, in Deutschland zu bleiben. Sie haben hier Familien gegründet, ihre Kinder besuchten deutsche Schulen, absolvierten eine Ausbildung oder studierten an deutschen Hochschulen und haben inzwischen selbst ihre eigenen Familien gegründet, Familien mit Migrationshintergrund. Dietzenbach ist eine Stadt, in der mehr als die Hälfte der Einwohner einen Migrationshintergrund haben, darunter auch sehr viele Nachkommen aus „Gastarbeiterfamilien.“

Der Vorsitzende des Heimatvereins, Hans-Erich Scholze, begrüßt die Gäste im komplett gefüllten Saal im Heimatmuseum. „Die Ausstellung ist für Dietzenbach sehr wichtig, denn mehr als 50 Prozent der Bürger haben einen Migrationshintergrund und sie werden unsere gemeinsame Stadt immer weiterentwickeln und verbessern.“

Ziel der Ausstellung sei, dass die Besucher aus erster Hand erführen, wie alles angefangen habe und wie sich die ehemaligen Gastarbeiter heute in Dietzenbach fühlten. Dazu hatte der Ausländerbeirat Zeitzeugen und Nachkommen der Zeitzeugen eingeladen, die in einer spannenden und sehr amüsanten Diskussion in Anekdoten über ihre Ankunft und ihr Leben in dem neuen Land berichteten.

Großes Lob spendet eErster Stadtrat Dieter Lang: „Es ist ein großer Erfolg, dass die Ausstellung zustande gekommen ist.“ Für die Stadt sei diese Ausstellung sehr wichtig, denn sie unterstreiche die Vorbildfunktion Dietzenbachs im Hinblick auf Integration. Den Akteuren sei es gelungen, den ersten Schritt in die Aufarbeitung der Dietzenbacher Geschichte nach 1945 zu machen. Doch Lang sieht den Integrationsprozess noch nicht abgeschlossen „Das Thema der Integration beschäftigt viele Menschen und es dauert länger, als wir erahnt haben“, sagt er. Er wünsche sich, dass die Aufarbeitung weitergeführt werde und in ferner Zukunft eine Ausstellung unter dem Namen „Neue Heimat Dietzenbach 3.0“ stattfinden könnte.

Der Vorsitzende des ALB, Gengiz Hendek, dankt den Mitgliedern des Heimatvereins und des ALBs für die hervorragende Zusammenarbeit. Er wies auf die kommende Abschlussveranstaltung am 14. Oktober hin, zu der alle Beteiligten noch mal eingeladen sind. Moderiert wurde der Abend von Olga Lucas Fernández vom Ausländerbeirat aus Rodgau. Ihre ersten Gesprächspartner waren Gisela Mauer, langjährige Geschäftsführerin des ALB und Gudrun Rahn, Ehefrau von Günter Rahn. Sie berichteten von der ersten Ausstellung, die 2001 zum Hessentag eröffnete wurde, der Kontaktaufnahme mit Gastfamilien, den Interviews bis hin zur fertigen Präsentation. Mauer sieht die Ausstellung genauso aktuell wie 2001, denn heute wie damals verlassen Menschen ihr Heimatland für eine bessere und sichere Zukunft.

Doch sie sieht nicht in der Migration das Übel: „Migration war weder in den sechziger Jahren, noch ist sie heute die Mutter aller Probleme, sondern sie ist die Folge von Armut, ungerechter Verteilung, Kampf um Land und Ressourcen und Macht.“

Ein weiterer Höhepunkt des Abends war die Diskussion mit Nicola Elmi, Paulina Petridou und Ezgi Küpelikelinc. Elmi ist Gastarbeiter der ersten Generation und er berichtete über seine Ankunft, seine Arbeit und seinen Werdegang.

Seine Frau, die aus Dietzenbach stammt, hat er auf seiner Arbeitsstelle kennengelernt. Er wohnt in Dietzenbach und fühlt sich hier sehr wohl. „In Italien kenne ich nur noch meine Familie, sonst keinen. Da bin ich immer der Deutsche“. Aber er fühlt sich auch nicht als richtiger Deutscher. „Ich bin ein Bürger dieser Welt“, sagte er und bekam dafür riesigen Applaus vom Publikum.

Petridou kannte Theo Papadopolous sehr gut. Er war ihr Trauzeuge und Patenonkel ihrer Kinder. Sie fühlt sich sehr wohl in Deutschland und wenn sie in ihr Heimatland kommt, dann ist das wie Urlaub für sie. Ezgi Küpelikelinc ist die Enkelin von Abdi Küpelikilinc. „Ich bin jeden Sommer nach Düzbag in die Türkei geflogen und habe meine Großeltern besucht.“

Dass sie in zwei Kulturen aufgewachsen ist, sieht sie als Vorteil. Sie spricht Türkisch und Deutsch und ist in der Ausbildung zur Mittelstufenlehrerin. „Man hat nie das komplette Zugehörigkeitsgefühl. In der Türkei sind wir die Deutschen. Hier in Dietzenbach fühle ich mich akzeptiert und sehr wohl.“ Alle drei sind Menschen mit Migrationshintergrund.

Die erste Generation ist damals vor Armut nach Deutschland geflohen. Auch heute noch kommen Menschen die vor Krieg, Armut und Hunger fliehen nach Deutschland.

Doch statt die Menschen gastfreundlich zu empfangen, werden und wurden Gastarbeiter und Migranten immer wieder diskriminiert oder verfolgt.

Wie sie die Bilder aus Chemnitz empfinden, wollen wir wissen. „Das ist abscheulich“, sagt Elmi. „Wir müssen den Menschen Arbeit geben, damit sie sich eine Existenz aufbauen können.“

„Ich finde es sehr befremdlich“, sagt Küpelikelinc. „Hier in Dietzenbach fühle ich mich sehr wohl und sicher, aber wenn ich in Chemnitz wohnen würde, wäre es sicher anders.“

Ausstellung wird bis zum 14. Oktober im Museum gezeigt

Diese Ausstellung ist bis zum 14. Oktober im Museum für Heimatkunde und Geschichte in der Darmstädter Straße 7+11 zu dessen Öffnungszeiten zu sehen.

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Ich denke, dass die Probleme der Gastarbeiter in der Zeit als meine Eltern 1963 nach Dietzenbach kamen und ich später als 6 Jähriger, seinerzeit denselben Ursprung hatten wie heute.
Mangelnde Aufklärung im direkten Kontakt zu und mit allen Beteiligten, Gastarbeiter/Ausländer damals und heute und der deutschen Bevölkerung.

Wenn Aufklärung direkt und nicht nur über Medien, damals über Vorurteile in verschiedenen Richtungen und heute Angst vor Überfremdung und wenn man den Menschen die hierher kommen, damals wie heute, den Freiraum lässt und aufzeigt, dass miteinander Leben nicht bedeutet die eigene Kultur aufzugeben, sondern sich gegenseitig zu bereichern, dann erfolgt Integration, Respekt und Verständnis vor den Werten des Gegenüber.

Damals mussten nicht nur die Gastarbeiter aus den verschiedenen Ländern/Kulturen - Italiener, Spanier, Griechen usw. sich mit der Kultur der Gastgeber vertraut machen und vice versa, sondern auch untereinander sich annähern und Verständnis für einander aufbringen, daraus hat sich für alle Seiten eine doppelte Integration ergeben.

Dasselbe gilt auch heute, wobei heute die Kulturen Unterschiede bei weitem größer sind als damals.

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