„Es hat viel mit Aberglaube zu tun“ In den Rauhnächten zur Ruhe kommen

In gemütlicher Runde sitzen Frauen und Männer rund um die Feuerschalen – einfach mal Zeit für Geselligkeit. Foto: Strohfeldt

Dreieich (sina) – Wenn Geister und Dämonen ihr Unwesen treiben, Odin mit seinem übernatürlichen Heer aus wilden Gesellen durch die Lande streift, und die Menschen sich in die sichere Helligkeit und Wärme ihrer Häuser zurückziehen, dann sind die Rauhnächte gekommen.

Regine Ebert von der Kräuterschule Taunus weiß, was es mit dieser besonderen Zeit des Jahres auf sich hat und brachte ihre Bedeutung am vergangenen Freitag den Besuchern des Lehr- und Kräutergartens in den Baierhansenwiesen näher.

Um elf Tage unterscheiden sich das Mond- und das Sonnenjahr. Diese Differenz bei der Umstellung der Kalender brachte die zwölf Nächte hervor, die an Heiligabend beginnen, wenn die Uhr Mitternacht schlägt, und bis zum Morgen der Heiligen Könige andauern. „Es ist eine unwirkliche, spezielle Zeit, die nicht hierhin und nicht dorthin gehört“, so Ebert. „Der Schleier zur Anderswelt soll dann besonders durchlässig sein – es hat viel mit Aberglauben zu tun.“ Die Atmosphäre im Kräutergarten ist trotzdem weit davon entfernt, düster oder gar gruselig zu sein. Kerzen leuchten in der Dunkelheit, wärmende Flammen kommen aus einem halbe Dutzend Feuerschalen, die im Garten verteilt sind, und um die Größte hat sich der Kreis aus dick eingemummten Menschen versammelt, die in den behandschuhten Händen Becher mit Glühwein halten und gespannt Eberts Geschichten lauschen.

Traditionen bewahren

Gemütlich, sogar besinnlich ist die Stimmung, denn bei den alten Bräuchen konzentriert sich Ebert auf ihre ursprüngliche Bedeutung und wie man sie in die heutige Zeit übertragen kann.

Manche Riten haben es über die Jahrhunderte geschafft, Bestand zu haben. Das Räuchern als Reinigungsritual beispielsweise wird gerade im Süden Deutschlands weiterhin praktiziert und auch im Kräutergarten verbreitet sich der intensive Duft von Gewürzen. „Es geht darum, was wir aus den alten Bräuchen machen“, betont Ebert.

„Alle Räder sollen still stehen"

So lässt sich auch die alte Sitte, dass während der Rauhnächte keine Hausarbeiten verrichtet werden sollen, in seiner Bedeutung übertragen: „Alle Räder sollen still stehen. Man soll zur Ruhe kommen, in sich gehen und sich Zeit für sich selbst nehmen.“ Ob der Begriff „Rauhnächte“ von der kalten Jahreszeit mit ihren kurzen, rauen Nächten herrührt oder gar vom Räuchern selbst, ist unklar.

Sicher ist aber, dass der Saisonabschluss im Kräutergarten inspirierend ist und auf Weihnachten und die Zeit danach einstimmt. „Rund 60 Besucher sind heute gekommen“, berichtet Klaus Rehwald, Vorsitzender der AG Umwelt- und Naturschutz. Überhaupt war es eine gelungene Saison im Lehr- und Kräutergarten: „Wir waren angenehm überrascht, wie gut er angenommen wurde, gerade Schulklassen und Seniorenheime haben ihn rege genutzt.“

Planungen laufen

Die Planung für das nächste Jahr ist bereits in vollem Gange und ein Programmpunkt steht bereits fest, bestätigt Klaus Thon vom Deutschen Naturheilkunde-Museum: „Zur Feier des Internationalen Museumstags am 21. Mai werden wir den Kräutergarten zur Verfügung stellen.“

Ein Veranstaltungsflyer soll im neuen Jahr eine Übersicht über das Programm im ersten Halbjahr geben, doch bis dahin haben die Pflanzen im Kräutergarten Winterschlaf. Und ob abergläubisch oder nicht, wer sich die Rauhnächte nimmt, um zu entspannen und sich von altem Ballast zu befreien, der kann ebenfalls ausgeruht ins neue Jahr starten.

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