Ehemalige Insassin des Lagers Theresienstadt Edith Erbich schildert Gymnasiasten ihre Erfahrungen mit dem Holocaust „Hass ist ein schlechter Begleiter“

Erinnerung an den Holocaust: Hans-Josef Rautenberg hat Erfahrungen aus der Nazi-Zeit niedergeschrieben. Edith Rrbrich schilderte im Adolf-Reichwein-Gymnasium als Zeitzeugin ihre Erlebnisse im Lager Theresienstadt. Foto: m

Heusenstamm (m) – „Haltet Augen und Ohren offen, damit so etwas nicht mehr passiert!“ Die Empfehlung, um die ein Schüler sie bat, ist unmissverständlich. „Ich bin so erzogen, dass es egal ist, welche Hautfarbe, Religion, Nationalität ein Mensch hat“, erklärte Edith Erbrich, „Hass ist ein schlechter Begleiter“. Die Insassin des Lagers Theresienstadt stand Zehntklässlern und Oberstufen-Schülern des Adolf-Reichwein-Gymnasiums (ARG) Rede und Antwort.

Edith Erbrich wurde 1937 in Frankfurt geboren. Nazis haben sie am 14. Februar 1945 ihrer katholischen und schwangeren Mutter entrissen und sie mit ihrer älteren Schwester Hella und dem jüdischen Vater in das Ghetto in Nordböhmen gebracht. Zuvor musste das Mädchen den Judenstern tragen, bekam die Nöte der Eltern mit. „Ich hasse das Wort Mischehe“, betonte sie.

Der Autor Hans-Josef Rautenberg aus Groß-Zimmern vermittelte in Kurzgeschichten, Fotos und Filmausschnitten Facetten des Holocausts. Dazu zählten auch die Erfahrungen der Frankfurterin. In Theresienstadt wurde der Vater von seinen Töchtern getrennt. Nur selten durfte er seine Kinder besuchen. Dank eines anderen Gefangenen erfuhr er, wenn sie verlegt wurden.

„Wir waren meistens eingesperrt“, berichtete Edith, „wir mussten bei Eis und Schnee stundenlang im Vorhof der Festung stehen. Wenn jemand vor Entkräftung umgefallen ist, durften wir ihn nicht aufrichten.“ Die ältere Schwester klopfte Steine, pflanzte Gemüse, jätete Unkraut, säuberte Waggons, die Menschen nach Auschwitz gebracht hatten.

Die Aula im C-Gebäude des ARG erfüllte eine ungewohnte Stille. Die Erinnerungen nahmen die rüstige Frau sichtbar mit. Das spürten die Jugendlichen und bedankten sich nach jeder Antwort höflich. „Es beruhigt mich, dass man sich erinnert“, sagte sie.

„Theresienstadt war ein Ghetto, aber später wurden auch Gaskammern gebaut“, unterstrich sie. Unter den Gefährten herrschte eine „unheimliche Kameradschaft, auch wir Kinder waren uns bewusst, was sich abgespielt hat, wenn der Leiterwagen mit Brot mittags mit Leichen zurückkam. Wir haben uns geholfen, getröstet“. Sie haben Kleider von ermordeten Kindern getragen, was sie nicht wussten, „aber wenn du frierst, ist es egal“.

Heute wünsche sie sich manchmal den Zusammenhalt von damals. „Das Schlimmste waren Hunger und Heimweh, Briefe schreiben durften wir ja nicht. Es war alles abgeschirmt, wir hatten keine Informationen über unsere Mutter und wussten nicht, was draußen geschah.“

Für Journalisten und eine Delegation vom Internationalen Roten Kreuz wurden Tische aufgestellt, „aber wir durften nichts von den Süßigkeiten nehmen, wir seien so satt, mussten wir erzählen“. Teile des Propaganda-Films wurden in einer Dresdener Kaserne gedreht, wo alles vorhanden war, Bettzeug, Pantoffeln, Betten. „Wir haben aber auf Stroh und Pferdedecken schlafen müssen.“ Weil die hungrigen Kinder die Butterbrote vor der Kamera zu schnell verschlungen haben, musste die Szene immer wieder gedreht werden. Trotzdem hieß es im Ausland angesichts des Streifens, „so schlimm ist’s ja gar nicht“. Das komplette Filmteam, berichtete Edith Erbrich, sei später vergast worden. Wut, Verachtung würde sie empfinden, wenn sie heute ihren Peinigern gegenüberstehen würde, beantwortete sie eine Frage. „Ich weiß es nicht, was ich mit ihnen reden sollte, sie wären es nicht wert. Ich werde nie verstehen, wie diese Leute am Tag Menschen erschlagen, erschossen und gefoltert haben und am Abend mit Freunden und Familie an einen Tisch sitzen konnten.“ Erbrichs haben Theresienstadt überlebt. Nach Befreiung und Rückkehr legte die Mutter großen Wert auf ein normales Leben. Edith wollte zunächst nicht über das Erlebte sprechen, nichts von den Prozessen hören. „Ich hatte die Schnauze voll und wollte als junge Frau das Leben genießen.“ Bei der Frankfurter Rundschau erlernte sie den Beruf der Industriekauffrau, war später im städtischen Dienst tätig. Durch Zufall traf sie Mitglieder des Deutschen Widerstands und arbeitete an einer Dokumentation mit, „um den stillen Helden und Helfern danke zu sagen“.

„Es fing schon mal so harmlos an“, reagierte der Gast auf die Frage eines Schülers, wie sie das Erstarken rechter, populistischer Kräfte bewerte. Parteipolitisch wollte sie sich nicht äußern, „ich wünsche mir nur Ruhe und den Frieden, mit jedem zusammenleben zu können“.

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