Ursula Selvestrel feierte ihren 90. Geburtstag Nach jahrelanger Odyssee wurde Heusenstamm zur neuen Heimat

Zu den Gratulanten von Ursula Selvestrel gehörte Bürgermeister Halil Öztas, der die Glückwünsche des Hessischen Ministerpräsidenten, des Landrats und der Stadt überbrachte. Foto: m

Heusenstamm (m) – Nach Vertreibung, Flucht und Neuanfang war für Ursula Selvestrel, geborene Conrad, die Schlossstadt das Ziel. Sie fand in Heusenstamm eine neue Heimat, wo sie am Freitag vergangener Woche ihren 90. Geburtstag feierte.

Das Licht der Welt erblickte sie in Küstrin im Oderbruch im Kreis Königsberg in der Neumark, „damals war das ein Knotenpunkt Richtung Osten und die Streusandbüchse Deutschlands“, unterrichtet sie ihre Gäste. Das Geburtstagskind war die älteste von drei Geschwistern. Eine Schwester verstarb früh, mit 14 Jahren mussten Ursula mit Mutter und Bruder Haus und Hof verlassen.

Sie gelangten zunächst nach Neustrelitz, das aber bereits von Flüchtlingen und Vertriebenen überfüllt war. Also zog das Trio weiter und gelangte nach Berlin-Petershagen. Dort haben sie in einem Sommerhaus gelebt, auf Feldern unreife Kartoffeln gesammelt, „bis es nichts mehr zu essen gab“.

Die Reise führte weiter Richtung Mecklenburg, „dort sollte es noch etwas zu beißen geben“, erinnert sich die 90-Jährige. Auf dem Boden eines Bauern in einem Dorf bei Crivitz im Kreis Parchim fanden sie eine neue Bleibe.

Zwischenzeitlich ging die Jubilarin alleine nach Berlin, es gelang ihr aber nicht, ihre Mutter nachzuholen. Sie arbeitete für einen Milchladen mit einer Kollegin, die einen Cousin in Heusenstamm hatte. So gelangte Ursula Selvestrel 1958 zum Dachsteinwerk Braas.

Es beschäftigte 60 der ersten italienischen „Gastarbeiter“ in Deutschland, viele kamen aus dem Ort Campia an der „Straße des Prosecco“ bei Venedig – wie auch ihr späterer Ehemann. Sie lernte Giordano Selvestrel bei der Arbeit in der Kantine kennen. 1960 gab sie ihm in der St. Cäcilia-Kirche das Ja-Wort, das Paar zog in die Hohebergstraße.

Zu Ostern desselben Jahres kam ihre Mutter mit dem zweiten, erfolgreichen Fluchtversuch nach. 1962 sind die Selvestrels in den Schlesierweg gezogen, bald in die Franz-Rau-Straße, von wo aus es nicht mehr so weit zur Parzelle des Obst- und Gartenbauvereins war. Die Familie war beim Kauf der Anlagen 1963 unter den ersten, hat vor allem Obst und Gemüse angebaut. 1999 starb der Ehemann, vor vier Jahren zog die Witwe zu den Töchtern in die Sudentenstraße.

Beim VdK war Ursula Selvestrel in Stadt und Kreis Frauenbetreuerin. Bis vor einem Jahr hat sie ein Auto geführt, heute bevorzugt sie Spiele und Puzzles am Tablet-Computer, strickt Barbie-Kleider für die Urenkel, löst Kreuzworträtsel und liest die Stadtpost. Dazu versorgt sie sechs Hühner im Garten und eine Katze. Zum Festtag gratulierten zwei Töchter, vier Enkel und fünf Urenkel. Bürgermeister Halil Öztas überbrachte die Glückwünsche des Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, des Landrats und des Magistrats der Schlossstadt.

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