Sehnsucht nach Ruhe und Frieden

Tag der offenen Tür in Heusenstammer Flüchtlingsunterkunft

Fatma Nur Kizilok ist eine der Verantwortlichen, die hauptamtlich für die Arbeitwewohlfahrt die Flüchtlinge in Heusenstamm betreut. Sie beantwortete beim Tag der offenen Tür die Fragen der Besucher, die sich durchweg positiv äußerten. Foto: Roß

Heusenstamm (jro) – Es war ein besonderer Tag der offenen Tür, zu dem Kreis Offenbach und die Arbeiterwohlfahrt (Awo) eingeladen hatten: Die Räumlichkeiten der neuen Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge an der Industriestraße standen allen interessierten Bürgern offen.

Rund um das Werksgelände des einstigen Keppler-Verlages ist an diesem Nachmittag nur schwer ein Parkplatz zu finden. Das Interesse in der Bevölkerung an der Gemeinschaftsunterkunft ist groß. Schon am Eingang werden die Besucher von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Awobegrüßt, die Informationsblätter verteilen. Aufklärung statt Panikmache ist das Anliegen von den Verantwortlichen. Fatma Nur Kizilok ist eine der Verantwortlichen, die hauptamtlich für die Awo die Flüchtlinge in Heusenstamm betreut. Sie beantwortet die Fragen der Besucher, die sich durchweg positiv äußern.

Rede und Antwort

Auch die ersten Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft haben ihr neues zu Hause erreicht und stehen den Besuchern Rede und Antwort. Sophia und Mahal Sanjeeda sind zusammen mit dem 14-jährigen Bruder aus Afghanistan geflohen. Das junge Paar steht in dem lichtdurchfluteten Raum mit den drei Betten, einem kleinen Kleiderschrank und einem einfachen Regal. Es ist ihr neues zu Hause. Nach Jahren des Krieges und Monaten der menschenunwürdigen Flucht ist es für sie das erste Mal, dass sie wieder so etwas wie eine Privatsphäre haben. Es ist für sie seit langer Zeit das erste Mal, dass sie keine Angst vor Bomben oder Überfällen haben müssen. Die Bilder des Krieges verfolgen die beiden aber immer noch. Sophia und Mahal öffnen an diesem Nachmittag nicht nur die Tür zu ihrer neuen Zimmer - sie öffnen auch die Tür zu ihrem Inneren.

Der 14-jährige Mohammed hat mittlerweile einen Platz in einer Intensivklasse gefunden und lernt nun Deutsch. Gerne würde er sich in einem Fitness-Studio anmelden, doch dieser Wunsch lässt sich nicht finanzieren. Auch die Internetverbindung ist noch ein Thema, das die Flüchtlinge beschäftigt. Jürgen Schwald von der Awo erklärt, dass dies ein Thema ist, das verschiedene Probleme mit sich bringt.

Vor allem die sogenannte „Sörerhaftung“ hält die Betreiber davon ab, ein öffentliches WLAN einzurichten. „Natürlich können die Flüchtlinge einen regulären Internetanschluss buchen, aber die Kosten müssten sie auch selbst übernehmen“ erklärt Schwald. Für Mahal und Sophia ist das derzeit aus finanziellen Gründen keine Option, obwohl die Verbindung zu ihren Bekannten und Freunden für die drei wichtig ist.

Platz für 42 Personen

Für insgesamt 42 Personen ist das einstige Bürogebäude nun eingerichtet. Christian Hirsch ist der Betreiber des Hauses und er hatte in den vergangenen Monaten alle Hände voll zu tun, um die Büros in bewohnbare Zimmer umzugestalten. Neben einer Gemeinschaftsküche, einer Waschküche mit Waschmaschine und Trockner sowie den Sanitärräumen war ein zweiter baulicher Rettungsweg - sprich eine Fluchttreppe notwendig geworden. „Ich kann die Bauaufsicht des Kreises Offenbach nur loben, dass sie die Arbeiten so unkompliziert unterstützt hat“, berichtet Hirsch. Zwar fehlt noch das Gutachten eines Statikers über die Sicherheit der Außentreppe, aber Hirsch ist sich sicher, dass dieses Gutachten sehr bald vorliegen wird. Dann kann auch das Gebäude vollständig bezogen werden. „Für mich als Betreiber ist die entscheidende Frage, ob ich mich in diesen Räumen selber wohl fühlen würde und hier leben wollte“, erklärt Hirsch und schnell wird deutlich, dass hier einer die Verantwortung übernommen hat, bei dem vor der Rentabilität einer Investition die Humanität steht.

Mahal steht an der Seite seiner Frau und im Minutentakt kommen neue Menschen auf ihn zu. Für den 25-jährigen Afghanen ist es befreiend reden zu können und er freut sich über die vielen Glück- und Segenswünsche der Heusenstammer, die an diesem Nachmittag gekommen sind. Dennoch fällt es ihm zugleich schwer zu reden. Immer wieder merkt man ihm an, dass er seine Tränen unterdrücken muss. Bei manchen Fragen bleibt die Antwort aus. „Was ist mit deinen Eltern“ will ein Besucher wissen und Mahal’s Blicke offenbaren für einen Moment die Abgründe des Krieges. Er zeigt auf seinem Smartphone einige Bilder seiner Heimat. Bilder, die man lieber nie gesehen hätte.

40 Ehrenamtliche im Einsatz

„Die Menschen, die zu uns kommen sind teilweise schwer traumatisiert“, erklärt Kizilok und es ist wichtig, dass wir viele ehrenamtliche Helfer haben, die den Menschen auch langfristig helfen. Auf die Unterstützung von rund 40 ehrenamtlichen Bürgern können die Flüchtlinge in Heusenstamm zählen und Kizilok berichtet, dass die Zahl der Helfer ständig wächst. „Und es gibt ganz viele Menschen, die unerkannt im Hintergrund helfen“, weiß die AWO-Mitarbeiterin zu berichten.

Neben Betreiber, Bewohnern und Heusenstammer Bürgern waren auch Politiker aller Parteien der Stadtverordnetenversammlung mit Ausnahme einer anwesend.

Der Vertreter des Landkreises Offenbach, Kreisbeigeordneter Carsten Müller und Bürgermeister Halil Öztas konnten sich davon überzeugen, dass die Flüchtlingsarbeit vor Ort alles andere als das heraufbeschworene „Chaos“ ist. „Endlich haben wir für unsere Flüchtlinge auch eine ordentliche Unterkunft“, freute sich eine ältere Besucherin.

Mahal, seine Frau und sein Bruder haben einen anstrengenden Besuchertag hinter sich und noch einen langen Weg vor sich. Dass gerade an ihrem ersten Tag in der neuen Unterkunft auch gleich ein Brief der GEZ im Briefkasten lag, wirkt fast schon wie ein wenig Ironie. Die drei sehnen sich jetzt nach einer Zeit der Ruhe, nach einer Zeit des Friedens. „Alles, was wir jetzt brauchen“, erklärt der 25-jährige, „ist Liebe“.

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