Ehemalige Arrestzelle im Alten Rathaus ist wieder für Öffentlichkeit zugänglich Gedenkraum gemahnt an das Grauen

Herbert Walter (von links) vom Antifaschistischen Aktionsbündnis, Fachbereichsleiter Constantin Strelow Castillo, Stadtverordnetenvorsteher Stephan Reinhold, Erster Stadtrat Stefan Löbig, Fachdienstleiter Uwe Sandvoß und der ehrenamtliche Stadtarchivar Heribert Gött bei der Eröffnung der Gedenkstätte.   Foto: zvk

Langen (zvk) – Etwa zehn Quadratmeter klein ist der Raum, der einst eine Arrestzelle war. Die Wände sind mit grauen Kacheln gefliest, der Boden wirkt abgetreten. Nur durch ein kleines vergittertes Fenster strömt kühle Luft in den stickigen Raum. In dieser Zelle hielten die Nationalsozialisten Oppositionelle gefangen und folterten sie. Am 7. März 1933 besetzten SA-Leute das Alte Rathaus, eine Woche später begannen sie, Andersdenkende zu verhaften.

Durch eine Kooperation zwischen der Stadt und dem Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVV) ist der Raum nun wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. „Wir eröffnen heute wieder nach langen Jahren diese sogenannte Arrestzelle, die wir lieber als Gedenkraum bezeichnet sehen wollen“, informierte Stadtarchivar Heribert Gött beim Vor-Ort-Termin am vergangenen Samstag. Zum Gedenken erhebt sich in der Zelle nun eine Art Altar, in der eine Gedenktafel eingelassen ist. Auf der Inschrift steht unter anderem ein Zitat des französischen Schriftstellers Romain Rolland: „Die Zukunft wird sich an Euer Beispiel erinnern und sie wird es ehren.“

Schicksal zweier Langener

Zudem hat der VVV mehrere Tafeln angebracht, die über den Nationalsozialismus in der Stadt und das Konzentrationslager Osthofen informieren, das damals im Volksstaat Hessen lag. Des Weiteren wird das Schicksal zweier Langener exemplarisch dargestellt: Wilhelm Burk und Walter Rietig. Rietig, geboren 1906 in Breslau, gestorben 1942 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee, engagierte sich vor der nationalsozialistischen Machtergreifung in der Arbeiterbewegung und war unter anderem Mitglied in der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend. 1942 denunzierte ihn ein Arbeitskollege und behauptete, dass Rietig sich kritisch über die NS-Politik sowie Zweifel am Endsieg geäußert habe. Der Beschuldigte wurde von der Gestapo verhört und unterschrieb schließlich ein Geständnis. Dieses sei jedoch erpresst gewesen, wird Rietig bis zu seinem Tod behaupten. Kurz vor Weihnachten 1942 wird Rietig im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee exekutiert.

Enkelin stellt Original-Briefe zur Verfügung

Wilhelm Burk, geboren 1884 in Langen, gestorben 1943 im Konzentrationslager Sachsenhausen, war in den Jahren der Weimarer Republik Vorstandsmitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands in Langen. Als diese verboten wurde, diente Burks Wohnhaus als Anlaufstelle für Propagandamaterial. Daraufhin wurde ihm der Prozess gemacht und Burk zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Doch der Verurteilte kam nie mehr auf freien Fuß: Im April 1942 verschleppte die Gestapo Burk in das KZ Sachsenhausen, wo er 1943 starb. Seine Enkelin Monika Trulsen hat dem Stadtarchiv kürzlich drei Originalbriefe übergeben, die der Großvater aus dem KZ an seine Familie geschrieben hatte. „Die Briefe sind in einer gestochen scharfen Schrift verfasst und zeugen von der Liebe und Sorge, die der Vater für seine Frau und seine Kinder empfunden hat“, berichtet Gött.

Bereicherung für die Stadtgeschichte

Die drei Dokumente sind eine Bereicherung für die Stadtgeschichte, denn der Umfang an Niederschriften über diese Zeit in Langen sind sonst eher mau. Uwe Sandvoß, städtischer Fachdienstleiter für Kulturelle Bildung, und der VVV hoffen, durch die Wiedereröffnung dieses Kapitel der Stadtgeschichte in Erinnerung zu halten. „Wir werden uns weiter intensiv mit der Geschichte beschäftigen. Es ist ein wichtiges Thema für die Zukunft.“ Und Gött ergänzt: „Uns ist es wichtig, den Raum im wahrsten Sinne des Wortes mit Leben zu erfüllen.“

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