Eleonore Blöcher berichtet über Krieg, Flucht und die Nachkriegszeit Von Breslau ging es Richtung Westen

Nach Mühlheim kam Eleonore Blöcher erst als Erwachsene. Über Breslau, Alsfeld und St. Moritz fand sie an den Main. Foto: man

Mühlheim (man) – Im öffentlichen Leben der Stadt dürfte es niemanden geben, der von Eleonore Blöcher noch nie etwas hörte. Die ewig juvenile 86-Jährige leitete 29 Jahre den Kindergarten im Markwald und engagierte sich im Anschluss vielfach ehrenamtlich. Mit anderen initiierte sie etwa die Flüchtlingshilfe. Blöcher erzählt, wie sie Krieg, Flucht und Nachkriegszeit erlebte.

Ihre schon geraume Zeit erwachsene Enkelin Anne-Catherine Wintersteller fragte in jungen Jahre ihre Großmutter, warum es bei ihr Zucker zu den Erdbeeren gäbe, bei ihren Eltern aber leider nicht. Die Oma erzählte von der eigenen Kindheit, in der es selten Zucker gab. Aber an einem Tag fielen in Blöchers Heimatstadt Breslau Bomben auf die Zuckerfabrik. In den Trümmern hatte sich eine schwarze Masse gebildet. Die Kinder leckten an dem süßen Berg. Vor Kurzem ließ die Enkelin die Oma vor laufender Kamera über ihr Leben erzählen für ein Zeitdokument, „das ich später mal eigenen Kindern zeigen will“.

Der Vater schickte Briefe von der Front. In einem stand, er habe in seinem Graben kurz Zeit, weil die russischen Flieger einen Moment pausierten. Die drei Söhne und der Mann der Nachbarin trugen ebenfalls die Wehrmachtsuniform.

In einem Jahr schrie die Frau dreimal weinend auf, nachdem sie amtliche Post geöffnet hatte.

Blöcher erzählt, wie sie mit ihrer Mutter und der jüngeren Schwester Ruth bereits außerhalb der Stadt bei Verwandten schlief, aber noch mal zurückkehrte, um die Uhr des Vaters zu holen. Die drei sahen in dem ausgebombten Wohnhaus im vierten Stock ihren bekleideten Teddybär hängen, dem die Kinder auch Rollschuhe angezogen hatten. Aussichtslos, da hochzukommen.

Blöcher weiß auch noch, wie sie ihrer Schwester einmal von ihren Wünschen erzählte, die sich inmitten des Elends wie aus dem Märchen anhörten. Kindergärtnerin wolle sie werden, heiraten und eine Tochter und einen Sohn bekommen. Außerdem im eigenen Haus leben und ein Auto fahren.

Von Breslau ging es Richtung Westen im Pferdewagen, den alle schoben, die in der Lage waren. Ein Junge verletzte sich dabei schwer an der Hand. Verbandszeuge gab es keines. Ein Mann gab ihm den Rat, „piss‘ drauf, dann entzündet sich das nicht“.

In Alsfeld kamen Mutter und Töchter schließlich bei einem Bruder des Vaters unter. Irgendwann verkündete die Mutter, Papa käme wieder. Die Kinder sollten sich nicht wundern, wie er aussähe. Er sei krank und mager. Nach drei Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft streichelte der fremde Vater auf dem Bahnsteig behutsam seinen Töchtern über die Wangen, sagte lange nichts und fragte schließlich, „was habt ihr denn für interessante Hosen an?“ Die Beinkleider hatte die Mutter aus Vorhängen genäht.

Später absolvierte Eleonore Blöcher in Fulda die Ausbildung zur Kindergärtnerin. Anschließend ging sie in die Schweiz, als Kindermädchen einer Familie in St. Moritz. In einer Kneipe saß Eleonore, die damals noch Zimmermann hieß, alleine an einem Tisch. Die junge Frau beschmunzelte nicht mehr ganz nüchterne Tänzer. Am Tresen stand jemand, dem die Szenerie ebenfalls gefiel.

Als sich die lächelnden Blicke trafen, kam der junge Mann mit dem Vorschlag, „wir können uns doch auch zusammen über die Leute amüsieren“.

Für den nächsten Tag verabredete sich Eleonore mit dem Fremden, der sich als Hans Dieter Blöcher aus Offenbach vorgestellt hatte. Die Erzieherin verband das Treffen mit einer Eignungsprüfung. Sie brachte die Kinder mit, für die sie sorgen musste. Die Kleinen kreischten vor Freude, als der Deutsche die Tannen schüttelte und der Schnee auf sie fiel. Hans Dieter hatte bestanden.

Als der Urlaub des Ingenieurs endete, gab ihm Eleonore ihre Ersparnisse mit. Die sollte er ihren mittlerweile in Frankfurt lebenden Eltern bringen. Die wunderten sich, als ein Unbekannter auftauchte, ihnen ein Kuvert mit Schweizer Franken gab und um die Hand der Tochter anhielt. Auf deren Nachfrage versicherte der Mann, sein Ansinnen sei abgesprochen.

Später bekam Eleonore Blöcher einen Sohn und eine Tochter. Seit 52 Jahren lebt sie im eigenen Haus, ums Eck von dem Kindergarten, den sie lange leitete. Bei schönem Wetter kurvt Blöcher im offenen Cabriolet durch Mühlheim.

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