Drei Feintäschner berichten über die Blütezeit der Lederwarenverarbeitung

Die Mär vom Traumberuf in Mühlheim

Feintäschner, Taschen und Moderatoren (von links): Lothar Lotz lauscht Friedel Jung, der 1935 als 14-jähriger Bub seine Lehrstelle antrat. Auch Karl-Heinz Stier hörte fasziniert zu. . Foto: Mangold

Mühlheim (man) – Wenn der Geschichtsverein zum Erzählcafé einlädt, werden am Ende die Stühle immer knapp. Kein Wunder. Wer sich für Geschichte interessiert, der lauscht auch gerne Geschichten, und die gestalten sich besonders interessant, wenn Zeitgenossen von vergangenen Epochen erzählen, so wie die drei Feintäschner. Die Veranstaltung ergänzt die Ausstellung „Taschen, Koffer, Portemonnaies – Die Produktion der Babbscher und Portefeuiller in Mühlheim am Main“.

In Offenbach tragen heute noch die Fastnacht-Prinzenpaare den Zusatz, „von Lederanien“ im Namen. Viele können sich da heute keinen Reim drauf bilden. Leder war über gefühlte Ewigkeiten der Treibstoff für die Wirtschaft der Region. Wer Feintäschner lernte, der konnte sicher sein, bis zur Rente Arbeit zu finden. So dachten jedenfalls die meisten. Typisch für die Region waren auch „die Gürtler, Säckler, Sattler und Futteralmacher“, erklärt Karl-Heinz Stier zu Beginn, der Vorsitzende des Geschichtsvereins. Was alle Berufsbezeichnungen verband: Leder war das ein und alles.

Berufswahl

Karl-Hein Stier und Horst Baier fragen die Teilnehmer zuerst, wie ihnen einst in den Sinn kam, den Beruf des Feintäschners zu wählen. Die Antwort von Dieter Horch gibt einen Blick in eine Zeit, als „Selbstverwirklichung“ wie ein Fremdwort klang. Horchs Mutter hatte einen Friseursalon. Dieter fühlte sich dort als Bub so wohl, dass er dachte, „Friseur, das wäre was für mich“. In den 50er Jahren galt das Wort des Vaters in den meisten Familien aber wie ein Naturgesetz. Horch erzählt von einem Abend, den sein Vater mit dem Chef der Hausener Firma Valentin B. Lotz beim Kegeln verbrachte. Samstags bekam der Junge vom Vater die Weisung, sich dort am Montag zum Vorstellungsgespräch für eine Lehrstelle einzufinden.

Der 77-Jährige erzählt, wie der Meister stets ein Blechlineal bei sich führte und den Stiften penibel das Einschlagen und Schärfen von Leder zeigte. Nach der Lehre arbeitete Horch bei Wolf & Ulrich in Lämmerspiel. Meister Alfred Roth machte sich nach vier Jahren selbstständig und nahm acht Angestellte mit. Darunter Dieter Horch und dessen Frau Rosemarie. Für die Gattin fertigte der Feintäschner die Krokodillederhandtasche zum Geburtstag. Horch hat sein Werk dabei, das aus Zeiten stammt, als Artenschutz noch auf keiner Agenda stand. Die Firma von Alfred Roth schloss 1995. Nach 33 Jahren fiel der Hammer.

Auch Friedel Jung hatte ursprünglich mit anderen Berufen disponiert, „erst dachte ich an Diamantschleifer, dann wollte ich Koch werden“. Friedel hatte einen Großvater, der von seinen Kontakten nach Frankfurt erzählte: „Bub, brauchst nichts zu machen, ich kenn‘ da wen, der stellt Lehrlinge ein.“ Irgendwann drängte Friedel den Opa, mit ihm nun endlich nach Frankfurt zu fahren. Zwar kannte der Großvater den Lehrmeister tatsächlich, aber der erklärte, „ihr kommt zu spät, ich kann niemanden mehr nehmen“. Im Jahr 1935 organisierte der Vater dem Sohn eine Lehrstelle zum Feintäschner, in der Dietesheimer Zweigstelle der Goldpfeil Ludwig Krumm AG. Der 96-jährige Jung erzählt, wie er in den 50er Jahren einmal im Hauptsitz in Offenbach den französischen Modeschöpfer Christian Dior durch den Betrieb führte. Als später die Angestellten erfuhren, Goldpfeil eröffne nun auch in Kapstadt eine Produktionsstätte, rief Jung aus, „das ist der Anfang vom Ende“.

Entscheidung

Lothar Lotz (72) ist der einzige der Feintäschner, der tatsächlich den Wunsch hatte, den Beruf zu erlernen. Auch der Vater arbeitete in der Profession. Lotz erzählt von einem Vorgang, den man sich heute im produktiven Gewerbe kaum mehr vorstellen kann. Er kündigte bei einer Firma, weil er als Meister sah, dass es für ihn dort nicht weiter gehen konnte. Der Eigentümer fragte ihn dann fast täglich, „und, hast du dir das noch mal überlegt?“ Weil Lotz dabei blieb, wollte der frustrierte Chef seinen Angestellten schließlich nicht mehr sehen und schickte ihn weg. Die letzten vier Wochen konnte Lotz bei vollem Gehalt spazieren gehen.

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