Lämmerspieler verhalfen belgischen Zwangsarbeiter zur Flucht / Fortsetzung auf Seite 4

Roth Brüder beweisen im Dritten Reich Heldenmut

Katharina Roth (links) und Schwester Karola Wilm halten mit den Nachkommen des belgischen Zwangsarbeiters immer noch Kontakt. Foto: Mangold

Mühlheim (man) – Die Schwestern Katharina und Karola und ihr Bruder Albert Roth kennen die Schwestern Monique und Micheline von den Bulcke schon ihr ganzes Leben. Regelmäßig hatten die Eltern einander besucht. Die Geschichte dieser langjährigen Freundschaft beginnt 1941 in Brüssel. Philemon van den Bulcke fuhr zum Gymnasium. Die Straßenbahn stoppte plötzlich . Gestapobeamte stiegen ein, die nach jungen Einheimischen suchten, um sie nach Deutschland zu verschleppen. Während der Kriegsjahre setzte im Reich fast jeder größere Betrieb Zwangsarbeiter ein. „Philemon war 17“, erzählt Katharina Roth. Der junge Mann entstammte wohlhabenden Verhältnissen. Der Familie gehörte eine Schuhfabrik in Aalst nähe Brüssel. Ein Bild zeigt, wie Philemon als Bub in der schnieken Limousine seines Vaters sitzt. „Er war das einzige Kind. Die Mutter wird ihn verwöhnt haben“, vermutet Karola Wilm. Auf jeden Fall entsprach er nicht dem Typus des harten, zähen Burschen, den die Hitler-Jugend forderte.

Philemon landete in Klein-Auheim in der hessischen Gummiwarenfabrik Fritz Peter. Der Belgier schlief nebenan im Kino, das als Massenunterkunft diente. Sein Chef war Georg Bauer. Der nahm sich des jungen Mannes an. Deutsche, die Verfolgten geholfen hatten, nahmen nach dem Krieg keineswegs Heldenstatus an. Zum Tenor, „wir haben nichts gewusst“, gehörte „wir konnten nichts machen“. Georg Bauer schon. Mit seiner Frau Liese nahm er den Jungen, der sich an einer Maschine die Finger schwer verletzt hatte, zu Hause auf. Solange sie pünktlich zur Arbeit kamen, war den Behörden der Schlafplatz der Zwangsarbeiter egal. „Für die Bauers war Philemon ein Ersatzsohn“, vermutet Katharina Roth. Der eigene war gefallen. Ein Nachbar hieß Nikolaus Roth. Zum Onkel der Schwestern müssen die Bauers tiefes Vertrauen empfunden haben. Denunzianten hatten schließlich Hochkonjunktur. Eine Aussage reichte, um jemanden ins KZ zu bringen.

Wahrscheinlich wussten sie vom Hintergrund ihres Nachbarn. Adam-Adolf Roth, Vater der Schwestern und Bruder von Nikolaus, hatte im Juli 1937, lange vor der Gründung seiner Familie, in einer Kneipe den „Heil-Hitler-Gruß“ eines Parteigenossen mit „Heil Moskau“ pariert und den „Führer“ mit einem Schimpfwort tituliert. Am nächsten Tag erschien die Gestapo. Nie habe der Vater seiner Familie gegenüber von Dachau gesprochen, nie über die Folter. Nur Bruder Nikolaus und einem Freund erzählte der damals 31-Jährige, wie er kurz davor stand, die Qualen durch einen Sprung in den Elektrozaun zu beenden. An Heiligabend informierten ihn Wachleute, „dein Vater ist gestorben, aus Kummer über dich“.

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