Wegbereitung für das Stadtquartier Süd: Apparatehaus auf ehemaligem Branntweinmonopolgelände in Neu-Isenburg abgerissen Ein bisschen Wehmut schwingt mit

Abschied vom Apparatehaus: Klaus Krämer (links, Baulöeiter AWR) erklärt Stephan Burbach (Mitte, Geschäftsführer Gewobau) und Bürgermeister Herbert Hunkel, wie der Abbruchbagger vorgehen wird. Foto: lfp

Neu-Isenburg (lfp) – Neu-Isenburgs Bürgermeister Herbert Hunkel durchlebt derzeit besonders emotionale Tage. Neben den Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie kann Hunkel aus seinem Dienstzimmer mit eigenen Augen verfolgen, wie ein „Industriedenkmal“, das nicht nur für ihn zeitlebens präsent war, aus dem Stadtbild verschwindet. „Das Apparatehaus war schon für uns Kinder ein optischer Anziehungspunkt, was drumherum passiert ist, hat die industrielle Entwicklung der Stadt mitgeprägt – und jetzt ist auch davon nichts mehr zu sehen“, sagt Hunkel. Er weiß aber auch, dass dort auf dem ehemaligen Branntweinmonopol-Gelände – dem heutigen Stadtquartier Süd – wieder etwas Neues entstehen wird, was für die künftige Stadtentwicklung nicht minder bedeutungsvoll ist, nämlich neuer Wohnraum für viele Menschen.

Der große Greifarm des Abrissbaggers hat in den vergangenen Tagen schon die Blech-Außenverkleidung abgerissen und die Rippenkonstruktion aus Stahl des über 30 Meter hohen Apparatehauses freigelegt. Jetzt greift sich die Schrottschere einen der fingerdicken Stahlträger und „durchbeißt“ diesen mit einer Kraft von 6300 Kilonewton. „Dadurch sparen wir uns die aufwendige Arbeit mit Trennschleifern, das wird heute hauptsächlich nur noch bei Flächenstahl gemacht“, erklärt Klaus Krämer, Bauleiter der mit dem Abbruch der Gebäude auf dem ehemaligen Branntweinmonopolgelände beauftragten Abbruchfirma AWR mit Sitz in Urmitz bei Koblenz. Mit dem Abbruchmaterial unterstützt Neu-Isenburg auch den Wohnungsbau ihres großen Nachbarn Frankfurt, denn ein Großteil des wiederverwertbaren Materials liefert AWR für die Wohnneubauten im Schwedler-Carré nahe des Frankfurter Ostbahnhofes.

Dieses geschichtsträchtige Ereignis wollte sich Bürgermeister Herbert Hunkel noch einmal mit eigenen Augen ansehen. Zusammen mit Stephan Burbach, dem Geschäftsführer der städtischen Gewobau – diese hat das gesamte Areal des ehemaligen Branntweinmonopolgeländes erworben – besichtige Hunkel die Abbrucharbeiten – nicht ohne noch einen letzten Blick in die „Betriebszentrale“ des Apparatehauses zu werfen. Ganz begeistert war Hunkel von der noch relativ gut erhaltenen technischen Einrichtung. Insbesondere nahm er die vielen „Durchflussröhrchen“ in Augenschein, aus denen entsprechende Kontrollproben entnommen werden konnten. „Hier steht sogar ‚Fusel‘ drauf“, wunderte sich Hunkel und musste schmunzeln.

Doch was passierte eigentlich im Apparatehaus, das für normale Isenburger immer hinter stark verschlossenen Türen lag? Der Betrieb der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein wurde am 1. Januar 1920 in der Schleussnerstraße 6 errichtet. Ursprünglich wurde es als Branntweinlager vorgesehen, im Laufe der Jahre wurde die Anlage jedoch erheblich erweitert – die Gesamtfläche betrug zuletzt rund 34.000 Quadratmeter. Aus den Unterlagen des städtischen Bauarchivs geht hervor, dass der Turm bereits vor 1932 bestand und es sich um einen Kühlturm – genauer gesagt einen Kaminkühler - handelt. Das aus der Spritfabrikation auf rund 70 Grad erwärmte Wasser wurde dort zurückgekühlt, um es entweder dem Produktionskreislauf erneut zuzuführen oder, entsprechend abgekühlt, der Kanalisation zuzuleiten.

Im Apparatehaus wurden später aus verschieden Tanks mit unterschiedlicher Alkoholkonzentration die gewünschten Alkohole für die Industrie gemischt. Die Branntweinmonopol-Brennerei in Neu-Isenburg versorgte die Verbraucher in ihrem Verkaufsgebiet von Hessen über Reinhessen bis nach Unterfranken. Zu den Kunden gehörten sowohl die chemische als auch die pharmazeutische Industrie, die Lack- und Farbenindustrie, die kosmetische Industrie, aber auch die Trinkbranntweinhersteller sowie Krankenhäuser, Apotheken und Drogerien. Der Absatz im Geschäftsjahr 1997/1998 belief sich auf 860.900 Hektoliter Alkohol und brachte einen Erlös von stolzen 98 Millionen DM. Nach 90 Jahren stellte 2012 die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein ihren Betrieb am Standort Neu-Isenburg ein.

„Als Reminiszenz an das alte Apparatehaus wird an dieser Stelle das höchste Haus des Stadtquartier Süd von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewobau errichtet. Im Ensemble mit den zu erhaltenen Gebäuden entlang der Schleussnerstraße und dem süd-östlichen Seitenflügel soll das neue circa 30 Meter hohe ‚Apparate-Wohnhaus‘ mit bis zu 50 Wohnungen an den historischen Anblick erinnern“, so Bürgermeister Herbert Hunkel.

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