Von wegen „Aus für die Naturfreunde“: Im kommenden Jahr wird das 100-jährige Bestehen gefeiert Gerüchte „komplett aus der Luft gegriffen“

Für die Naturfreunde und ihr Naturfreundehaus soll es noch lange weiter gehen (von links): Vorsitzender Christian Dathe, Wirt Matthias Felber, Gattin Malgorzata „Gosia“ Felber und die Vereinsaktiven Jakob und Gudrun Blickhan. Foto: Mangold

Neu-Isenburg (man) – In früheren Jahren zogen die Naturfreunde Neu-Isenburg die Beiträge von 140 Mitgliedern ein. Die Zahl schrumpfte auf 20. Diametral entwickelte sich die Vereinsgaststätte an der Neuhöferstraße 55. Hier verlässt ein Schnitzel nach dem anderen die Küche und der Zapfhahn kommt selten zur Ruhe. Vorstandsmitglieder und Pächter lassen die letzten Jahrzehnte Revue passieren. Im nächsten Jahr feiert der Club sein 100. Jubiläum.

Die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Naturfreunde galten auch in Neu-Isenburg als Plattform, in der alle Vertreter des linken Spektrums miteinander konnten, die sich ansonsten auf keine gemeinsame Uhrzeit einigen wollten. „Man hielt die Parteipolitik möglichst außen vor“, weiß Christian Dathe, der vor 23 Jahren den Vorsitz übernahm.

Als der gebürtige Sachse 1937 zur Welt kam, hatten die Nazis die Naturfreunde seit vier Jahren verboten und ihr Eigentum beschlagnahmt Nebenbei erzählt der 81-Jährige einen Teil seiner Biografie, in dem sich viele aus seiner Generation wieder finden. Dathe kann sich noch an Fronturlaube des Vaters erinnern, der nach Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft geriet und letztlich durch den Hunger umkam, „die Russen hatten ja selbst nichts zu essen“.

Zu den Naturfreunden fand der gelernte Elektromechaniker 1963 über Kollegen. Attraktiv waren nicht nur die gemeinsamen Ausflüge, sondern auch die Möglichkeit, sich zu treffen, ohne konsumieren zu müssen, „ein Getränk in der Kneipe war den meisten zu teuer“.

Quasi sein ganzes Leben gehört Jakob Blickhan den Naturfreunden an. Dessen Eltern zählten 1946 zu jenen, die den Verein nach der Wiederzulassung durch die US-Armee neu aktivierten. Der 79-Jährige erzählt, wie er als Kind die Trümmersteine putzte, aus denen die Erwachsenen die heutige Gastwirtschaft bauten.

Ihn verbindet mit dem Club noch mehr. Blickhan lernte Gattin Gudrun bei den Naturfreunden kennen. Sie kam 1958 aus dem Saarland in Neu-Isenburg zu Besuch und holte im Vereinsheim ihre Nichte ab, „ich dachte sofort, ‚das ist die Richtige‘“. Zu Jakobs Glück schätzte die damals 18-Jährige die Lage ähnlich ein.

Gudrun Blickhan berichtet von den durchwachsenen Erfolgen der Naturfreunde, Jugendliche zu rekrutieren. In einer Schule habe sie den Verein einmal vorgestellt und sich den Fragen gestellt, „ob wir Computerspiele und ‚Bum-Bum‘ haben“. Gemeint war eine Musikanlage. Die Aussicht auf Wandern durch Wälder und Wiesen wirken in digitalen Erlebniswelten eher minder attraktiv.

Am 1. April 1990 pachtete Matthias Felber die Gastwirtschaft, in der die Isenburger damals nicht unbedingt einander auf dem Schoß saßen. Felber mit seiner Gastronomie-Erfahrung entpuppte sich als Glücksgriff. Der Vorsitzende Dathe spricht im Rückblick von einem „Sechser im Lotto für uns“. Felber erfuhr von seiner gegenüber wohnenden Tante von der Pächtersuche der Naturfreunde.

Von Krieg und Nachkriegszeiten kann der 61-Jährige natürlich nichts aus eigener Erfahrung erzählen, dafür aber vom Gefängnis. Anfang der Achtzigerjahre stellte Felber in der DDR einen Ausreiseantrag. Sein von der Mutter geschiedener Vater war nach einem Verwandtschaftsbesuch im Westen geblieben, „ich setzte auf Familienzusammenführung“.

Doch dann kam die Einberufung zur Nationalen Volksarmee. Militärdienst hätte eine Ausreise um mindestens drei Jahre verzögert. Felber entschied sich, zu Hause zu bleiben. Nach einem Jahr Knast fuhr er in Begleitung von DDR-Anwalt Wolfgang Vogel mit anderen Häftlingen im Bus zum Grenzübergang Herleshausen.

Heute ist das Haus der Naturfreunde mit Biergarten, Wintergarten, gutbürgerlicher Küche und fehlendem Ruhetag eine feste Größe in der Isenburger Gastronomie. Felber ist froh, damals auf Gudrun Blickhans Tipp gehört zu haben, „mach doch einen Mittagstisch“.

Über Gerüchte in Neu-Isenburg, das florierende Naturfreundehaus mache in nächster Zeit dicht und die Naturfreunde ließen sich aus dem Vereinsregister streichen, kann der Vorsitzende Christian Dathe nur lächeln, „komplett aus der Luft gegriffen“. Im nächsten Jahr steht die Feuer zum 100. Vereinsjubiläum auf dem Programm, „mal sehen, was wir dann machen“.

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