„Ruppig, forsch, eine echte Anpackerin“: Besucher des Bembeltreffs erinnern sich an Margareta Müller Mit Rad und Hebammenkoffer von Geburt zu Geburt

Roswitha Ploch (Enkelin von Müller, von links), Heidi Treffert (Großcousine von Ploch), Kornelia Schramm und Horst Antons: Sie alle kamen mit Hilfe der Hebamme Margareta Müller zur Welt. Foto: zvk

Neu-Isenburg (zvk) – Herzensgut und resolut sei sie gewesen, da sind sich alle Anwesenden des Bembeltreffs im Haus des Löwen einig. „Sie war manchmal etwas ruppig und forsch. Aber sie war eine echte Anpackerin“, erinnert sich Roswitha Ploch an ihre Großmutter Margareta Müller.

Als Gretchen Müller-Gaußmann war die Hebamme vielen Isenburgern bekannt – mehr noch: Sie war für einige das erste Gesicht, das sie auf der Welt erblickten. Über 2.800 Babys hat Müller in ihrer Tätigkeit entbunden. Geburtshelferin, Vertraute, Ansprechpartnerin für werdende Mütter: Müller arbeitete in einem erfüllenden, aber auch fordernden Beruf, von dem sie sich nur selten Ruhe gönnte. „Bei meiner Recherche bin ich auf zwei Wochen gestoßen, in denen keine Geburten stattfanden“, berichtet Urenkelin Beatrice Ploch, „doch das war eher ein Zufall, als dass sie sich da bewusst freigenommen hat.“ Zwar war Müller nicht die einzige Hebamme in der Stadt, trotzdem hatte sie rund um die Uhr Bereitschaftsdienst.

Von diesem Berufsleben erzählt nun ihre Urenkelin Beatrice Ploch. Die Recherche zum Lebenswerk ihrer Urgroßmutter habe mit dem runden Geburtstag ihres Großonkels begonnen. Zum 90. Geburtstag will Ploch ihn mit einem besonderen Schmankerl überraschen. Sie erinnert sich an einen Karton auf dem Speicher, in dem alle Unterlagen zur Tätigkeit ihrer Urgroßmutter ordentlich aufbewahrt sind: 13 Hebammentagebücher, Urkunden, Bilder und Kassenbücher. „Da hat es mich gepackt. Ich wollte unbedingt das Leben meiner Uroma nachvollziehen“, erzählt Ploch.

Am 4. Oktober 1887 wurde Müller, geborene Gaußmann, in Egelsbach geboren. Kurze Zeit später zog die Familie in die Hugenottenstadt um, in die Bahnhofstraße 100. Hier wuchs sie auf, arbeitete in der Wäscherei ihres Vaters, lernte ihren Mann kennen und brachte 1909 schließlich ihr einziges Kind auf die Welt. Mit 24 Jahren, als Ehefrau und Mutter, beschloss Müller, eine Ausbildung zur Hebamme zu absolvieren. In einer Zeit, in der Frauen ihren Ehemann noch um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie einen Beruf ausüben wollten. „Sehr emanzipiert und ihrer Zeit voraus“, kommentiert Ploch.

Auf die Unterstützung ihrer Familie konnte Müller zählen: Sie zog für die halbjährige Ausbildung an die Großherzogliche Hebammen-Lehranstalt nach Mainz. Hier lernte sie das Handwerk und erhielt 1913 das Prüfungszeugnis: Für den Beruf „gut befähigt“ steht darin. Noch während ihrer Ausbildung in Mainz begleitete sie 99 Geburten. Die Ausbildung habe ein kleines Vermögen gekostet: 575,05 Reichsmark. „Das waren zwei Jahresgehälter einer Isenburger Wäscherin“, ergänzt Museumsleiter Christian Kunz.

Direkt nach ihrer Ausbildung, am 1. April 1913, nahm Müller ihre Tätigkeit in Neu-Isenburg auf und war seitdem 45 Jahre lang die Kontaktperson rund um Schwangerschaften und Geburten. Als Freiberuflerin half sie im Schnitt bei etwa 60 Geburten im Jahr – pro Geburt bekam sie 30 bis 45 Reichsmark. „Wobei in meiner Statistik vor allem die Jahre nach den Weltkriegen besonders kinderreich waren“, informiert Ploch. Zu den Entbindungen kamen noch Schwangerschaftsuntersuchungen sowie Termine bei den Wöchnerinnen hinzu.

Mit Fahrrad, Hebammenkoffer und in Schwesterntracht sei Müller in der Hugenottenstadt täglich unterwegs gewesen. Für die meisten war sie die erste Ansprechpartnerin, sobald die Wehen einsetzten. Damals fanden die Geburten nämlich noch meist ohne die Anwesenheit eines Arztes statt. Um möglichst gut erreichbar zu sein, hing an ihrer Haustür immer eine Schiefertafel. „Jeden Morgen, wenn meine Uroma das Haus verlassen hat, notierte sie auf der Tafel die Adresse, an der sie den Termin hat“, berichtet Ploch. In Zeiten ohne Handy und Internet bedeutete das allerdings keine ständige Aktualisierung und für manch einen Angehörigen, der schnell Hilfe holen sollte, eine kleine Schnitzeljagd: „Mancher musste fünf oder sechs Stationen ablaufen, bis er meine Uroma gefunden hatte.“

Nicht ohne Risiko sei ihr Berufsleben gewesen. Vor allem während Fliegerangriffen, wenn sie Entbindungen bei Kerzenschein vornehmen musste. „Doch meine Uroma war immer voller Energie und hat gesagt, wo es langgeht“, sagt Ploch. Vielleicht gerade deshalb fiel es Müller nach 45 Jahren Berufstätigkeit so schwer, in den Ruhestand zu treten. „Aus freien Stücken hat sie das nicht gemacht. Sie hätte den Beruf gerne ausgeübt, bis sie nicht mehr konnte.“ Am 31. März 1958 endete die Ära der Hebamme Müller in Neu-Isenburg – zumindest offiziell.

Denn innerhalb der Familie entband sie weiterhin munter Babys – zuletzt ihre Urenkelin Beatrice Ploch 1963. Zwei Jahre später, am 24. Juni 1965, stirbt Margareta Müller mit 77 Jahren.

In den Leben vieler Isenburger hat sie Spuren hinterlassen. „Meine Mutter hat mir viel über sie erzählt“, erinnert sich Horst Antons. Auch er wurde von Müller entbunden und hält jetzt den dazugehörigen Geburtsnachweis in den Händen, den Ploch ihm rausgesucht hat. „Jahrgang: 1940, Gewicht: 3.750 Gramm, Größe: 52 Zentimeter“ stehen auf der Kopie als Erinnerung an die ersten Momente des Lebens.

Zum nächsten Bembeltreff lädt das Haus zum Löwen für den 5. April ein. Das Thema: Stationen im Leben von Franz Völker und Anny Schlemm.

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