Anwohner starten Müllsammelaktion im Offenbacher Nordend Für eine saubere Umwelt

Müllsammler im Nordend: Mathias Richter (mit Nachwuchs), Clara Weisel, Jens Gruschka, Sascha Klacke und Doris Haas. Foto: man

Offenbach (man) – Was ist ein „Tidy up“? Unter der Überschrift ging jüngst schon zum zweiten Mal eine Gruppe junger Anwohner durchs Nordend. Im hessischen Idiom hieße die Aktion „de Dreck weg mache“. Mit Greifzangen und Müllsäcken ausgestattet, startete die Initiative am Goetheplatz.

Ein paar Minuten vor zehn Uhr öffnet Jens Gruschka die Türe zum Treffpunkt, dem Stadtteilbüro Nordend. Der Mann erzählt, wie er vor sechs Jahren in eine Parterrewohnung zog, die mehrere Jahre leer gestanden hatte: „Die Leute hatten sich daran gewöhnt, die Fläche davor als Müllhalde zu nutzen.“ Drei Jahre hatte Gruschka vergebens gehofft, die Lage werde sich entspannen. Für Abhilfe sorgte erst die Installation einer Kamera. Auf der Straße sprach der Mann die ertappten Delinquenten an und zeigte ihnen die Bilder von seinem Privatgrundstück, auf dem sie urinierten oder ihren Sperrmüll abstellten, „seit dem ist es viel besser geworden“.

Einmal kontaktierte Gruschka einen Mann, der sich vor seiner Wohnung so ganz anders als üblich beschäftigte. Mathias Richter warf dort nichts weg, der sammelte auf. Letztlich entstand aus dem Gespräch der beiden die Initiative.

Richter erzählt von seinem viertel Jahr Elternzeit, die er wegen seiner mittlerweile 14 Monate alten Tochter genommen hatte. Während seiner Spaziergänge durchs Nordend störte er sich am Müll, „ich will nicht, dass mein Kind in dem Bewusstsein aufwächst, das sei normal“.

Jens Gruschka sprach schließlich den Quartiersmanager Marcus Schenk aus dem Bürgerbüro an, der den Kontakt zum städtischen Entsorgungsunternehmen ESO herstellte, wo man der Aktion nicht im Weg stehen wollte und Mülltüten samt Greifzangen zur Verfügung stellte. Der Plan ist, den Vorgang monatlich zu wiederholen.

Gruschka erzählt von den Reaktionen von Passanten beim ersten Mal. Die einen seien voll des Lobs gewesen, hätten erklärt, eventuell mal mitmachen zu wollen. Auch die Skeptiker sprachen, die abgrundtiefen Pessimisten, in deren Charakter es zu liegen scheint, erst gar nichts zu versuchen, weil man scheitern könnte. Jene artikulierten sich im Tenor von, „es hat doch keinen Sinn, die Leute schmeißen weiterhin alles auf die Straße“. Das bleibt abzuwarten. Wo Müll liegt, kommt Müll hinzu.

Viel zu sammeln gebe es etwa vor dem Supermarkt NORMA an der Andréstraße, weiß Richter. Hier lässt wohl mancher nach dem Genuss des Flachmanns das Leergut einfach stehen. Neben Jens Guschka und Mathias Richter ziehen heute Clara Weisel, Doris Haas, Sascha Klacke und Fabian Helfmann samt seiner Töchter Emma und Celina durch die Nordendstraßen.

Letztlich treffen hier zwei Welten aufeinander. Wer auf dem Goetheplatz seine Kippen und Brötchentüten fallen lässt, fühlt keine Verantwortung, die über die eigene Wohnung und Familie hinaus geht. Wie sich die anderen im öffentlichen Raum fühlen, interessiert die Leute eher minder, die das hinterlassen, was an einem Samstagmorgen jene aufsammeln, denen die Ästhetik ihres Kiezes nicht egal ist, die sich mit dem tristen Zustand nicht abfinden wollen. „Klar“, sagt Clara Weisel, „man weiß nie, wie lange so eine Gruppe wie unsere aktiv bleibt“. Falls die irgendwann einschlafe, „dann haben wir es versucht und gehandelt“.

Am Ende des Vormittags gibt die Gruppe sieben prall gefüllte Müllsäcke bei der ESO ab. Das vom Quartiersmanagement bereitgestellte Transportrad reichte nicht aus. Vor Norma stand ein Einkaufwagen von Lidl, den man nutzte, um ihn anschließend zum Discounter zurückzubringen.

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