Freisprechung und Abschlusszeugnisse für August-Bebel-Schüler Mit den Händen arbeiten

Die Gesellenprüfung packten (von links): Sebastian Reisert, Jens Trumm, Fabian Woggon, Luis Kremser und Jacob Geyer. Daniel Hyzyk fehlt auf dem Bild. Foto: Mangold

Offenbach (man) – Anders als in vielen anderen Berufen, sieht der Handwerker am Ende des Tages, was er geschafft hat. Sechs Gesellen stellten am vergangenen Sonntag in der August-Bebel-Schule (ABS) ihre Prüfungsstücke aus. Geht es nach den Reden des Tages, muss keiner der erfolgreichen Absolventen Arbeitslosigkeit fürchten. Am Mittag bekamen sie mit der Freisprechung ihre Abschlusszeugnisse.

Schulleiter Raimund Kirschner analysiert den Begriff Bildung. Das bürgerlich-humanistische Ideal spiele schon längst keine Rolle mehr. Dennoch folge die Mehrheit der Gesellschaft immer noch blindlings dem Credo, „am besten ist ein Studium“. Viele Studenten brächen jedoch nach ein paar Semestern ab.

Die Quote sei auch deshalb so hoch, „weil ihnen niemand auf die Finger schaut“. Für die Entwicklung der Gesellschaft habe jedoch „das Praktische den gleichen Stellenwert“.

Von einem Lehrling aus seinem Betrieb in Mühlheim erzählt Kreishandwerks- und Landesinnungsmeister Wolfgang Kramwinkel. Der sei in einer Akademikerfamilie aufgewachsen, weshalb er sich durch ein Studienfach quälte, das der Vater erfolgreich abgeschlossen hatten.

Mit Mitte 20 absolvierte der handwerklich versierte Mann ein Betriebspraktikum und sagte zu Kramwinkel, „endlich mache ich das, was ich schon immer wollte“.

An anderer Stelle erwähnt Stadtverordnetenvorsteher Stephan Färber, „auf eine freie Juristenstelle bei der Bundesverwaltung kommen 1.200 Bewerber“. Landrat Oliver Quilling erlebt oft junge Leuten mit abgeschlossenem Studium aber ohne Arbeitsstelle, die sich beim Kreis wegen einer Ausbildung in der Verwaltung anklopfen. Quilling sieht im Dualen Ausbildungssystem einen Grund, warum im Rhein-Main-Gebiet die Jugendarbeitslosigkeit nur bei knapp vier Prozent liegt, „in unserer italienischen Partnerregion aber bei 20, in Andalusien sogar bei 90 Prozent.“

Joachim Hildebrandt, der Obermeister der Schreiner-Innung in Offenbach, merkt an, der kenne keinen Betrieb, „der freiwillig eine Fachkraft ziehen lässt“. Viele Schreinereien müssten in den nächsten Jahren schließen, weil die Inhaber keinen Nachfolger fänden. Drei Prüfungsvorgaben gab es für die aktuellen Gesellenstücke. Das Möbelstück musste eine Türe, eine Schublade und eine Zinkung haben. „Eine Holzstückverbindung ohne Schrauben und Nägel“, erklärt Fülscher. Der Geselle Sebastian Reisert stellt dem Obermeister Hildebrandt seinen Couchtisch vor, den er nach seinen eigenen Bedürfnissen konzipierte. In der Mitte legte er eine Glasplatte an.

Darunter will Reisert dann Bilder legen, „von einem Hobby, dem Angeln“. Schulleiter Raimund Kirschner hatte bedauert, dass sich in diesem Jahr unter den Gesellen keine Frau befindet. Im letzten sah es anders aus, da präsentierte etwa Ann-Kathrin Schütz ihr Gesellenstück. Die Schreinerin schaut sich heute die Ausstellung an.

Liebend gerne würde Schütz in ihrem Beruf arbeiten. Doch statt des Hobels hält die Frau bei der Arbeit ein Telefon in der Hand, in einem Callcenter. Die 27-jährige alleinerziehende Mutter bekommt ihre siebenjährige Tochter nach Schulschluss zeitlich nicht so unter, dass sie in einem Handwerksbetrieb arbeiten kann.

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