Antifaschistische Stadtrundfahrt durch Offenbach

Warum Hitler nicht ins Kickers-Stadion durfte

Auf dem Alten Friedhof liegen Täter und Opfer. Barbara Leissing (rechts) erzählt auch von einem Ludwig Müller, der in der Nazi-Legion Condor in Spanien in seinem Flugzeug umkam. Foto: Mangold

Offenbach (man) – Offenbach war nicht die Lieblingsstadt der Nationalsozialisten. Als die NSDAP bei der längst nicht mehr freien Reichstagswahl am 5. März 1933 im gesamten Reich fast 44 Prozent erreichte, waren es in Offenbach nur 30,5 Prozent. „Die Stadt hatte einen Arbeiteranteil von 57 Prozent“, erklärt Barbara Leissing von der Geschichtswerkstatt am Sonntag bei der „Antifaschistischen Stadtrundfahrt durch Offenbach“, veranstaltet im Zusammenarbeit mit der Volkshochschule.

In der Weimarer Republik wählten die Arbeiter noch mehrheitlich SPD und KPD, Parteien, die wiederum einander nicht über den Weg trauten „und sich erst miteinander formierten, als es längst zu spät war“, erzählt Leissing, als der Bus mit den 15 Teilnehmern am Wilhelmsplatz vorbei fährt. Hier fand am 1. Februar, einen Tag nachdem Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernennt hatte, eine Kundgebung statt, auf der die Vertreter von Arbeiterorganisationen sprachen, die sich bis dahin noch nicht einmal auf eine gemeinsame Uhrzeit hätten einigen können.

Neben Barbara Leissing referieren Gabriele Hauschke-Wicklaus und Günter Burgkart. Burgkart erzählt, warum die Nationalsozialisten Offenbach besonders auf dem Kieker hatten. Vor der Reichstagswahl im Juli 1932 sollte Hitler im Stadion der Kickers auf dem Bieberer Berg sprechen. Der Vorstand des OFC sprach sich jedoch dagegen aus. Hitler redete stattdessen auf dem benachbarten Sportplatz des SV Offenbach 02. Später sollten sich die Nazis an Weinberg rächen, der zusammen mit dem Kaufmann Ernst Oppenheimer nach der Kundgebung am 1. Februar den Wilhelmsplatz von kommunistischen Parolen reinigen sollte, mit der Zahnbürste, wie später nach dem Einmarsch der Wehrmacht die Juden in Wien auf dem Heldenplatz.

Mit welch plumpen Methoden die Nazis die Menschen verführten, zeigt vor allem eine Aktion wie die Bücherverbrennung am 22. Mai im Hof des Isenburger Schlosses. Als Hauptattraktion einer Richard-Wagner-Feier gab sich die NS-Studentenschaft lustvoll der Beschäftigung hin, Bücher auf den brennenden Scheiterhaufen zu werfen, die von „marxistischen, nicht arischen oder sonstigen undeutschen Verfassern geschrieben sind“. Davon versprachen sich 5000 Offenbacher, die zwischen 10 Pfennig und einer Mark Eintritt zahlten, „die Wiedergesundung unseres Volkes“. Gabriele Hauschke-Wicklaus zitiert Heinrich Heine, dessen Zeilen ebenfalls im Feuer landeten: „Wo man Bücher verbrennt, da verbrennt man am Ende auch Menschen.“

Andere brachten sich vorher um, wie der Sozialdemokrat Georg Kaul, einst führender Redakteur beim Offenbacher Abendblatt. Günter Burkart erzählt von dem Mann. Dessen Kollegen aus der Gewerkschaft hatten sich bereit erklärt, mit den Nationalsozialisten den Tag der Arbeit am 1. Mai zu feiern. Jahrzehntelang hatten die Arbeiterparteien dafür gerungen, den 1. Mai zum Feiertag zu ernennen. Taktisch geschickt, setzte die NSDAP die Forderung sofort um. Aus Wut auf die eigenen Genossen nahm sich Kaul am 2. Mai 1933 das Leben. In einem Abschiedsbrief schrieb er, „so viel Gesinnungslumperei“ könne er nicht mehr ertragen.

Zum ersten Ausstieg aus dem Bus kommt es dann beim Alten Friedhof. Nach dem Krieg konnte man sich hierzulande die Augen reiben. Zwar dürfte Hitler wohl sicher recht gehabt haben, als er Ende der 30er Jahre zu seinem Intimus Albert Speer sagte, „seit Luther haben die Deutschen niemandem mehr so zugejubelt wie mir“. Ab dem 9. Mai 1945 gab es jedoch keine Nazis mehr. Bis heute heißt es gerne über den Vater oder Opa „war zwar in der NSDAP, aber ein unpolitischer Mensch“. Barbara Leissing zeigt das Grab von einem, von dem das partout niemand behaupten konnte. Auf dem Stein des 1912 geborenen Ludwig Müller ist vom „Tod fürs Vaterland in Südkatalonien am 31.12.1938 die Rede“. Müller flog für die Nazi-Legion Condor im spanischen Bürgerkrieg auf Seiten Francos kam dabei um. Ein paar Meter weiter liegt der SPD-Mann Christian Pleß, den Nazis bei der Wahl am 5. März 1933 vom Lastwagen aus erschossen.

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