Geschichten für sehbehinderte Kinder greifbar machen Lesen mit den Fingerspitzen

Für blinde und sehbehinderte Kinder gibt es in Deutschland nur eine geringe Auswahl an Tastbüchern, die aufgrund der kleinen Auflagen vergriffen sind. Swantje Marschhäuser zeigt ein Beispiel. Bild: Walter

Offenbach – Die Vitrine am Eingang der Kinderbücherei im Bernardbau macht neugierig. Das müssen besondere Bücher sein, die darin aufgestellt sind – und die die meisten sehen können. Für Kinder mit Sehbeeinträchtigung ist das anders. Sie sind auf ihre Fingerspitzen angewiesen, wenn sie wissen möchten, um was es in einem Buch geht. Genau dafür sind diese Bücher gemacht. „Wir wollen inklusiver werden und ein Angebot für Familien mit Kindern machen, die blind sind oder eine Beeinträchtigung des Sehens haben. Kitas und Schulen können diese Bücher auch ausleihen“, erklärt Swantje Marschhäuser, Leiterin der Kinderbücherei.

Die Relief- und Tastbücher für Kinder ab drei Jahren stellen die jüngste Erweiterung des Medienangebots dar. Es handelt sich um teils handgefertigte Bücher in Brailleschrift und mit tastbaren Elementen. So kommt „Die Raupe Nimmersatt“ von Eric Carle in der Sonderausgabe als Tastbuch auf Filzfüßchen daher und biegt den grünen Plüschkörper in die Höhe.
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Das Gesicht ist sorgfältig in den roten Plüschkopf gestickt, darunter der Titel in Punktschrift. All diese Details helfen sehbehinderten Kindern, mehr über das Leben der kleinen Raupe zu erfahren. Sie ertasten Form und Schrift und können erzählen, was sie entdecken.

Für Marschhäuser waren die liebevoll gearbeiteten Bücher für Kinder mit Förderbedarf eine Entdeckung. Sie hat sie in der Bücherei einer kleinen schwedischen Stadt zum ersten Mal gesehen. Bibliotheken im Rhein-Main-Gebiet hatten so ein Angebot nicht; für sie Grund genug, nach Verlagen und Organisationen Ausschau zu halten, die Tastbücher vertreiben oder verleihen.

So stieß sie auf ein Zentrum in Leipzig, das es erlaubt, spezielle Medien nach Hause zu bestellen, und den Verein Anderes sehen.

Da ihre Bibliothek ein Ort für alle Kinder sein soll, beschloss Marschhäuser mit ihrer Chefin Nicole Köster, eine Auswahl Tastbücher anzuschaffen. Der Kern des Buchs wird übersetzt, die Künstler müssen sich überlegen, wie sie eine Geschichte buchstäblich greifbar machen.

Tastbücher sind kleine Kunstwerke, jede Seite eine Collage unterschiedlicher Materialien. Die Bindung muss so beschaffen sein, dass sich die Medien gut öffnen und umblättern lassen. Sie sind kostspielig und werden deshalb in der Vitrine verwahrt, aus der sie bei Bedarf herausgegeben werden.

Neben dem Bilderbuch-Klassiker sind lustige Gedichte oder Geschichten zu erfühlen und zu erfahren. Bücher über Formen und Figuren, mit Äpfeln und Birnen, laden zum Mitraten ein.

Mit dem Alphabet der unsichtbaren Dinge lernen sehbehinderte Kinder spielerisch das ABC und Begriffe, die ein Gefühl ausdrücken – was auch Sehende nur fühlen können. „Wir möchten Hemmschwellen abbauen. Familien und Kinder sollen die Bücherei als sicheren Ort erleben, wo man andere Formen des Lesens kennenlernen kann.“

Nächste Schritte sind Kontaktaufnahme mit dem Blindenverband und eventuell gemeinsame Veranstaltungen. Allein: Am Standort fehlt ein abgeschlossener Raum. Deshalb fiebert die Kinderabteilung der Station Mitte entgegen – damit alle Büchereien in einem Haus vereint sind und sich neue Möglichkeiten eröffnen.

Infos im Internet: dzblesen. de.  iw