Friedemann Becker verabschiedet sich von der Lutherkirche

Ein quirliger Typ geht von Offenbach nach Lübeck

Viele Gemeindemitglieder bleiben nach dem Gottesdienst, um den beliebten Kantor Friedemann Becker auf dem Weg nach Lübeck zu verabschieden. Foto: Mangold

Offenbach (man) – Der Mann leistete in der letzten halben Dekade gute Probenarbeit in Offenbach: Dazu braucht es nicht viele Takte, das lässt sich beim ersten Akkord schon hören, den die Kantorei im Gemeindesaal der Lutherkirche anstimmt. Klare Stimmen, präzise Intonation und exakte Einsätze. Friedemann Becker hört nach fünf Jahren in Offenbach auf. Der 39-Jährige, der als Kantor und Organist an der Lutherkirche und als Dekanatskirchenmusiker auch in der Mirjamgemeinde fungierte, nahm am Sonntag mit dem Gottesdienst und dem anschließenden Empfang offiziell seinen Abschied aus der Stadt am Main.

Vor dem Empfang kam Georgj Sosunov noch auf die Schnelle vorbei, um seiner Mutter Johanna noch ein Papier in die Hand zu drücken, das den Kantor auf die neue Aufgabe vorbereiten soll, die er ab August antritt. Sosunov sang früher selbst im Kirchenchor mit, kann aus beruflichen Gründen mittlerweile nicht mehr an den Proben teilnehmen. Es trifft es verblüffend genau, wie der 25-jährige den scheidenden Dirigenten charakterisiert: „Friedemann ist ein quirliger Typ.“ Der in Schwaben aufgewachsene Dirigent, der in Tübingen Kirchenmusik studierte, habe ihn mit seiner Art motiviert und begeistert.

„Die Zeit mit dir war schön, wir sagen dir auf Wiedersehen“, singt der Kinderchor. Pfarrerin Eva Reiß bedient sich des Namens der „Initiative für Alternative Kultur“, die sich „Offenbach am Meer“ nennt. Die Dekanin der protestantischen Kirchengemeinden schlägt dem Musiker zum Antritt seiner neuen Stelle einen unorthodoxen Weg vom Isenburger Schloss per Schiff aus vor, „über den Main, den Rhein und schließlich den Nord-Ostsee-Kanal“. Dann käme Becker in Lübeck an, der Stadt der steifen hanseatischen Kaufleute aus den Buddenbrooks von Thomas Mann, die mit Offenbach nicht viel mehr gemein haben dürfte, als dass beide Kommunen an einem prominenten Gewässer liegen.

Er habe sich in der Urbanität sehr wohl gefühlt, erklärt Becker nebenbei. Zur Arbeit in die Lutherkirche brauchte er nur ein paar Minuten zu Fuß. Mit der S-Bahn konnte er die Opernhäuser von Mainz, Wiesbaden und Frankfurt bequem erreichen, „ein Auto brauchst du hier nicht“.

Reiß erzählt, wie sie ihren Organisten und Dirigenten in den vergangenen Jahren regelmäßig zufällig am Main traf, „er joggte, ich fuhr mit dem Fahrrad“. An dem Musikus habe sie immer geschätzt, „egal was passierte, seine gute Laune verlor er nie“. Es lag nicht an der Stadt, dass Becker jetzt geht, weder weil Offenbach nicht gerade als eine architektonische Perle gilt, „noch weil Lübeck tatsächlich eine schöne Stadt ist“. Aber der Stellenmarkt quirlt nicht gerade vor Angeboten für Kirchenmusiker über. Quasi alle Schaltjahre gibt es eine Vakanz. Lübeck bekam den Vorzug, weil der Schwerpunkt der Arbeitsstelle auf der Orgel liege, es außerdem eine feste Reihe an Orgelkonzerten gebe.

Zum Abschied bekommt Friedemann Becker unter anderem ein schwarzes T-Shirt mit auf dem Weg. Drauf steht Offenbach, mit arabisch angehauchter Kalligrafie. Die soll an den internationalen Charakter der Stadt erinnern. Außerdem reist der Dirigent nicht ohne eine Flasche tiefprozentiger hessischer Identität in die Fremde: mit Apfelwein.

Auch an der Ostsee soll der Mann die Menschen verstehen. Dabei hilft Johanna Sosunov. Von der gebürtigen Hamburgerin bekommt er in Sachen Plattdeutsch einen Crashkurs, „damit Du auch mit einfachen Gemeindemitgliedern reden kannst“. Friedemann Becker scheint schon heimlich gepaukt zu haben. Er weiß sogar, dass „Mors“ keineswegs Maus oder Mauer bedeutet, die als mögliche Lösung zur Auswahl stehen. Der protestantische Kirchenmusiker übersetzt ganz im Sprachgebrauch von Martin Luther: „Gemeint ist der Arsch.“

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