Oratorienchor überrascht an schönen und skurrilen Orten mit Gesang Singend durch die Stadt

Stadtgesänge erklangen zum Beispiel in der Bahnunterführung an der Senefelderstraße. Bild: Walter

Offenbach – Interessierte Offenbacher hörten am vergangenen Samstag an belebten, aber auch vergessenen Ecken vielstimmigen Gesang. Mitglieder des Oratorienchors erhoben ihre Stimmen dort, wo man es nicht unbedingt erwartete. Passanten blieben stehen, wollten wissen, was da gleich passiert, wenn sich die Sänger formierten, andere fuhren langsam mit dem Rad vorbei und feuerten den Chor an.

Zum zweiten Mal luden der Oratorienchor unter Leitung von Judith Bergmann und die Autorin und Pädagogin Ida Todisco zu den „Stadtgesängen“. Bergmann führt den traditionsreichen Chor seit 2020 und fordert die Sänger immer wieder mit neuen Projekten heraus – etwa mit den „Stadtgesängen“. Geboren wurde die Idee bei einer Führung mit Todisco, fortgesponnen auf dem Offenbacher Weihnachtsmarkt. Judith Bergmann möchte Musik erfahrbar machen, für Menschen, die selbst vielleicht noch nie Musik gemacht oder gesungen haben.

Und Ida Todisco scheut zwar selbst das Singen, liebt aber Musik und bringt als Halbitalienerin das richtige Temperament für solch eine verrückte Idee mit. Verrückt deshalb, weil der Chor eben herausgeht aus seinem Konzert- oder Probenraum und sich stimmlich neue Räume erobert. „Ich möchte Musik in die Stadt und zu den Menschen bringen und so etwas zur Belebung der Innenstadt beitragen“, beschreibt Todisco ihre Motivation.

Los geht es in einem kathedralenartigen Raum, der allerdings einmal der Verwaltung diente: im hohen Foyer der ehemaligen Bundesmonopolverwaltung für Branntwein. Das Wetter spielt mit und beleuchtet die bunten Glasfenster, die Grafikdesigner Hans Leistikow entworfen hat. Er war ab 1925 am Projekt Neues Frankfurt, im Team von Ernst May beteiligt. Diese Details erfahren alle von Ida Todisco, die das Publikum (rund 25 Menschen) und den Chor im Vestibül begrüßt. Sie hat das Gebäude, 1953/54 nach Plänen des Architekten Adolf Bayer erbaut, und seit 2010 unter Denkmalschutz stehend, bereits in ihrem Buch „Offenbach – Liebe auf den zweiten Blick“ gewürdigt.

Die Sänger haben indessen unbemerkt Positionen im ersten Stock eingenommen. Sie starten mit einem Knallersong: „All is full of Love“ von der isländischen Musikerin Björk. Sopran singt hinüber zu Alt, Tenor und Bass – die Töne finden sich in der Halle, was ein gesangliches Experiment ist. Spätestens bei „The Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel sind die Zuhörer gefangen von dem Klang, der die Halle erfüllt.

Es steht fest, dass sie mitwandern zur nächsten Station, der Unterführung zwischen Senefelder- und Groß-Hasenbach-Straße. Dort muss der Chor sich eng aufstellen, damit Passanten und Radfahrer noch durchkommen. Als der letzte ICE über die Gruppe gerauscht ist, wird es schwungvoll mit dem „Mambo“ von Herbert Grönemeyer. „Ich drehe schon seit Stunden, hier so meine Runden, es trommeln die Motoren…“ Einige Passanten wippen vorüber, singen ein paar Töne mit, andere verziehen den Mund, haben es eilig.

Weiter geht’s zur Stadtkirche, wo sich alle außer dem Chor einmal setzen dürfen. Nach „The Rose“ und „Ubi Caritas“ von Ola Gjelo ist der „verruchtesten Orte“ in der Stadt das Ziel – die Passage zwischen Berliner Straße und dem Platz der Deutschen Einheit. Unter dem schreiend roten Schild „Erotic Store“ erklingt eine Volksweise: „Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß...“. Die Zuhörer spüren, dass die Melodien für jeden Ort mit Bedacht und manchmal mit einem Augenzwinkern gewählt wurden. Ein Höhepunkt ist die Darbietung von „Summertime“ am Eingang des Musikhauses André. Auf dem Wilhelmsplatz, wo die Stadtgesänge enden, darf das Publikum bei einem gemeinsamen Quodlibet mitsingen.

Infos im Internet

offenbacher-oratorienchor. de

Von Ingrid Walter