Joe Bausch stellte im Sternenzelt in Dietzenbach sein neues Buch „Gangsterblues“ vor Geschichten aus der Justizvollzugsanstalt

Bei der Lesung im Sternenzelt in Dietzenbach ließ Joe Bausch seine Zuhörer einen Blick hinter die Kulissen einen Hochsicherheitsgefängnisses werfen. Foto: Wittekopf

Dietzenbach (bw) – Schon der Gedanke an Verbrechen wie Mord, Todschlag, Raubüberfall und auch Vergewaltigung, lässt einem das Mark in den Knochen gefrieren. Bei den Tätern handelt es sich im Sinne des Strafgesetzes um Schwerstkriminelle, die oft lebenslänglich oder doch zumindest einen großen Teil ihres Lebens „hinter Gittern verbringen.“

Einen tiefen, aber oft amüsanten Blick hinter die Kulissen eines Hochsicherheitsgefängnisses, erlebten die Zuschauer bei einer Vorstellung von Hermann Joseph Bausch-Hölterhoff alias „Joe Bausch“ im ausverkauften Sternenzelt im Hessentagpark.

Für Bausch, der vielen auch als Pathologe im Kölner Tatort bekannt sein dürfte, war es der erste Auftritt nach dem Lockdown im März. Der 67-jährige Mediziner arbeitete bis zu seinem Ruhestand über 30 Jahre als Leitender Medizinaldirektor in der Justizvollzuganstalt Werl. Zu seinen Erfolgen zählen die beiden Bücher „Knast“ und sein neuestes Werk: „Gangsterblues“, die beide monatelang in der Spiegel-Bestseller-Liste gelistet waren.

„Vieles hat sich im Justizvollzug geändert“, erzählt er. Nicht nur, dass aus dem düsteren Lazarett ein modernes Gesundheitszentrum entstanden ist, auch dass Klientel sei anders geworden. „Wir behandeln hauptsächlich Männer aus über 50 Nationen und davon ist über die Hälfte drogenabhängig“, sagte er. „Mehr als acht Prozent der Insassen sind Psychopathen und zu so wenig Mitgefühl fähig, dass es mich heute noch erschaudert.“ Die Arbeit im Knast verlange einem alles ab, aber mit der richtigen Einstellung könne sie auch Spaß machen. „Man trifft auf nette, aber auch auf sehr schräge Typen und beschäftigt sich mit ihren Lebensbrüchen.“ Eine der größten Herausforderungen für ihn sei, trotzdem die Fähigkeit zur Empathie nicht zu verlieren. In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl sitzen die „ganz Schlimmen“ ein, auch aus der organisierten Kriminalität. Etliche von ihnen würden von den Beamten nur gefesselt zur Untersuchung zu ihm gebracht. Falls diese Straftäter in eine Klinik verlegt werden müssten, würden sie sogar vom SEK im Rettungswagen begleitet. „Wir müssen immer im Hinterkopf halten, was der Umgang mit Schwerstverbrechern für uns bedeuten kann“, so Bausch. Im Durchschnitt sitzen die Gefangenen 26 Jahre ein, es gäbe aber welche, die schon 50 Jahre lang hinter diesen Mauern leben. „Das Schlimmste für die Insassen sind nicht Stacheldraht oder Wachtürme“, erklärte der Arzt. „Doch das Wissen, immer und überall von Verbrechern umgeben zu sein, das macht die Hölle im Kopf aus.“ Deshalb würde es auch immer wieder zu Suiziden kommen. Selbst ein zu Totschlag Verurteilter hätte ihm gebeichtet, dass er sich vor seinem Zimmernachbarn fürchtet, der wegen Mordes einsitzt.

Viele Jahre hat er die Geschichten von Straftätern, die ihm als Arzt Vertrauen entgegengebracht haben und wichtige Lebens- und Leidenserfahrungen mit ihm teilten, verarbeitet und nun in seinem neuesten Buch „Gangsterblues“ festgehalten.

So auch die eher lustige Geschichte der drei „Dienstältesten Knackis“ Paul Falkowski (Diamanten-Paule), Arno Pannewig und Lorenz Ratajcak (Der Schränker). Diese drei alten Männer mussten sich mit der Frage auseinandersetzen „Wie und wann geht ein Verbrecher in Rente?“ Sie waren sich aber einig, dass es ihnen im Gefängnis besser ging als außerhalb. Schließlich folgte der Tag der Entlassung. „Natürlich kam es, wie es kommen musste. Statt sesshaft zu werden, machten sie da weiter, wo sie vor ihrer Haft aufgehört hatten, wurden geschnappt und erneut eingebuchtet.“ „Sie wollten noch ein letztes Mal gemeinsam auf Tour gehen“, erzählt Bausch. Die Details dieser Tour erzählt Bausch äußerst amüsant und filmreif.

Schwer verdaulich allerdings ist die Geschichte von Udo Weigold. Der muskelgestählte Mann, der wegen mehrfachem Raubüberfall, Köperverletzung und Vergewaltigung in Werl einsitzt, wird beim Training im Fitnessraum von seinen Mitinsassen fast ermordet und überlebt schwer verletzt. Die Ermittlungen ergeben, dass er kinderpornografisches Material in der Anstalt verkauft hat. Für die Videos, in denen die elfjährige Tochter seiner Freundin zu sehen ist, hat er selbst das Drehbuch verfasst. Seine Lebensgefährtin hatte es schließlich in den Knast geschmuggelt. „Das war ein großer Fehler“, sagt Bausch, denn viele der Häftlinge sind Familienväter oder haben in ihrer Kindheit selbst solche Erfahrungen machen müssen. Nach zwei Stunden endete ein sehr unterhaltsamer Abend. Viele Besucher nutzten die Gelegenheit, Bauschs Buch zu kaufen und signieren zu lassen.

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