Kampftechniken der japanischen Samurai-Krieger im Jiu-Jitsu-Dojo Obertshausen erlernen „Der Geist ist konzentriert, der Blick ist fokussiert“

Den Gegner, der mit einem Baseballschläger angreift zu Boden zu bringen und zu entwaffnen, ist eine der vielen verschiedenen Techniken, die ein Jiu-Jitsu-Sportler im Training erlernt. Foto: liz

Obertshausen (liz) – Udo Wäber lässt keine Sekunde die Augen von seinem Angreifer mit dem Baseballschläger in der Hand. Als dieser zum Schlag ausholt, setzen Wäbers Reflexe ein - und der Angreifer geht zu Boden.

Im Training kommt Pierre Schucht noch glimpflich davon, wenn er von seinem „Opfer“ unsanft auf den Rücken, doch wenigstens auf federnde Sportmatten, geworfen wird. Ein flinker und hundertprozentig sitzender Hieb aus dem Jiu-Jitsu macht den Angreifer in nur wenigen Augenblicken handlungsunfähig. Im nächsten Durchgang tauschen Wäber und Schucht die Rollen. Die Mitglieder des 1. Jiu-Jitsu-Dojo Obertshausen trainieren bis zu dreimal pro Woche. Trainer und Abteilungsleiter Enrico Mosbach erläutert: „Wer seinen Stand halten will, kommt einmal, wer sich verbessern will, kommt mehrmals die Woche.“

Jiu-Jitsu - übersetzt etwa „die sanfte Kunst“ - ging aus den Kampftechniken der japanischen Samurai-Krieger hervor. Ursprünglich sollten diese dazu dienen, einen bewaffneten Krieger auch dann bezwingen zu können, wenn man selbst unbewaffnet ist. „Deswegen ist das Bewegungsrepertoire in Gegensatz zu anderen Kampfkünsten recht groß“, erläutert Mosbach. Sich zu jeder Zeit und um jeden Preis verteidigen können, ist die heutige Idee des Jiu-Jitsu. Zwar werde im Training darauf geachtet, sein Gegenüber pfleglich zu behandeln, doch im Ernstfall ginge es um das eigene Wohl - ohne Rücksicht auf Verluste. Doch muss man es gar nicht erst auf gefährliche Situationen ankommen lassen, um die Vorteile der „sanften Kunst“ zu sehen. Die Schlag-, Wurf- und Hebeltechniken zielen meist darauf ab, die Energie des Gegners gegen ihn selbst oder in eine abgewandte Richtung zu lenken. Während des Trainings der Dojo-Mitglieder schlagen die Weißgewandeten geräuschvoll auf die Matten auf. Wäber erläutert: „Wir ‚hauen’ selbst noch einmal gegen den Boden, um den Sturz abzufedern.“

Auch hier wird die Energie umgeleitet, der Körper noch einmal kurz in die Luft befördert, um schließlich weniger heftig auf dem Boden anzukommen. „Darüber hinaus kommen wir so großflächig wie möglich auf“, beschreibt der Trainer weiter. Auch das mindert die Aufprallwucht und schützt die Gelenke.

Bei einem Sturz nach vorne strecken die meisten Menschen die Hände aus. Mit dieser starren Armhaltung bricht man sich unter Umständen Handgelenk oder Ellbogen.

Als Wäber das typische Muster demonstrieren will, gerät er kurz ins Stocken. „Reflexe werden vom Kleinhirn gesteuert, für das hier muss ich allerdings das Großhirn beanspruchen“, informiert er. Um seinen Sturz abzufangen, nutzt er die gesamte Fläche der Unterarme. „Das kam mir erst letztens gelegen, als ich mit dem Fahrrad auf einer Eisfläche ausgerutscht bin.“ Wo sich andere Menschen vielleicht die Schulter gebrochen hätten, trägt Wäber lediglich einen blauen Fleck davon. Das Reaktionsvermögen des Schwarzgurtes zahlt sich aus.

Beim Jiu-Jitsu rückt der ästhetische Anspruch, der beispielsweise beim Karate eine große Rolle spielt, in den Hintergrund. „Es muss funktionieren, nicht schön aussehen“, meint Mosbach. Ihn fasziniere an dieser Kampfkunst der „gewisse Sinn“. Die Selbstverteidigung beginnt schon damit, sich nicht in die Rolle des Opfers zu begeben. „Durch seine Körperhaltung kann man schon viel ausdrücken - oder eben abschrecken“, erwähnt Wäber. Sollte sich dadurch ein Angreifer nicht einschüchtern lassen, gilt es, ihn zunächst zu „schocken“. Das sind etwa kurze, kräftige Stöße gegen den Kehlkopf, wonach der Angreifer für einige Sekunden mit sich selbst beschäftigt ist. Und dann greifen die Reflexe wieder.

Der 1. Jiu-Jitsu Dojo wurde 2003 gegründet als Abteilung des FC Teutonia. Wäber gehört zu den Gründungstrainern, Mosbach stieß ein paar Monate später dazu. Aktuell zählt die Abteilung etwa 16 Mitglieder. „Weil der Selbstverteidigungsgedanke im Vordergrund steht, tragen wir keine Wettkämpfe aus“, erläutert Schriftführer Schucht. Für Kindertraining fehlt ihnen die Kapazität. „Dafür kann man allerdings jederzeit mit dem Training beginnen“, fügt er hinzu.

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