Ökumenisch und ökologisch mit dem Rad und um Rödermark Apfelwein, Bienenstöcke und Christengemeinden

Die Bienen von Tanja und Rüdiger Behre in Rödermark bestäuben viele Kulturpflanzen in der Umgebung des Kallemannsbergs. Foto: Ziesecke

Rödermark (red) – Ein spannendes regionales Abc buchstabierten die knapp 20 Teilnehmer der fünften Radtour „Re(li)gion erfahren“ des Evangelischen Dekanats Rodgau. Die Tour rund um Rödermark offenbarte einiges an Geschichte und Geschichten rund um Ökologie und Ökumene.

1.000 Reichsmark war einem Ober-Röder Protestanten das Läuten der Totenglocke wert: 1936 stiftete er das Relief des Erzengels Michaels über dem Hauptportal der Pfarrkirche Sankt Nazarius - unter der Bedingung, dass auch zu seinem Ableben die Glocken des katholischen Rodgau-Doms geläutet würden. Die Pfarrei schlug in den ökumenischen Handel ein: Bis heute wacht Michael über der Eingangstür.

Wenn die Glocken zu seinem Tod geläutet haben, hat der Protestant Glück gehabt. Denn schon 1940 wurden die erst 1921 geweihten Glocken konfisziert und für Kriegszwecke eingeschmolzen, berichtete Gemeindereferentin Tanja Bechtloff. Schon 1917 waren Glocken, Orgelpfeifen und sogar die Blitzschutzeinrichtung zu Waffen gemacht worden, 1938 auch der eiserne Kirchgartenzaun. Die heutigen Glocken klingen seit 1950.

Der eindrucksvolle neogotische Kirchbau aus dem Jahr 1896 bildete den Abschluss der Ökumenischen Radtour zu religiösen und ökologischen Themen. Neben kunstgeschichtlichen Details und Legenden erzählte Tanja Bechtloff auch, dass der heutige gotische Hochaltar durch Priesterkontakte „aus einem Hühnerstall in Mainz-Gonzenheim“ gerettet worden sei. Angesichts der Größe ist das zwar schwer vorstellbar, aber der 1953/54 entfernte Vorgänger-Altar soll noch größer gewesen sein. Heute möchte wohl kein Ober-Röder den Gonzenheimer Altar mehr missen.

Aufgebrochen waren die 18 in der heutigen Siedlung Rollwald, geführt von Brigitte Pflüger, Ökumenepfarrerin Sandra Scholz und Pfarrer Martin Franke aus Seligenstadt und Mainhausen. Anschaulich erzählte Franz Dürsch, Vorstandsmitglied des Vereins für multinationale Verständigung Rodgau (Munavero), wie das Lager Rollwald seit 1933 durch Strafgefangene der Justizvollzugsanstalt Darmstadt errichtet und 1937 eröffnet worden ist: Das bewachte Arbeitslager für bis zu 1.500 Menschen umfasste neben den Baracken der Strafgefangenen, Werkstätten, Küche, Wäscherei, Verwaltung auch einen Feuerlöschteich und zwei Wachtürme. Von den Wohnhäusern der Wärter mit dem charakteristischen Giebel sind einige erhalten, andere bis zur Unkenntlichkeit verändert. Bei der harten Arbeit des Waldrodens, der Begradigung der Rodau, dem Ziehen von Entwässerungsgräben und dem Häuserbau sind nicht wenige Gefangene umgekommen. Mit der Errichtung von Erbhöfen und der Berieselung des nährstoffarmen Sandbodens mit Frankfurter Abwässern sollte dort die nationalsozialistische Mustersiedlung „Mittel-Roden“ entstehen. Wegen des Kriegsausbruchs wurden die Pläne nie ganz umgesetzt.

Angeblich, so munkeln Bewohner, sind die Küchenfenster der Wohnhäuser bewusst hochgesetzt worden, damit Frauen nicht auf das Elend in der Strafkolonie sehen sollten. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Gebiet erst als Gefangenenlager der Amerikaner und später für Flüchtlingsunterkünfte. Erst 1993 wurde unter Mitinitiative der Evangelischen Jugend im Dekanat Rodgau ein Verein zu Aufarbeitung der grausamen Vorgeschichte der Siedlung gegründet, an dem sich auch Kirchen und Gewerkschaften beteiligten.

Danach besuchten die Radler die kleinste Christengemeinde Rödermarks: „52 Mitglieder, aber gut 70 Gottesdienstbesucher am Sonntag“ habe die Freie Evangelische Gemeinde (FEG), berichtete Pastor Jens Bertram. Im Gespräch betonte er vor allem die Zusammenarbeit zugunsten von Flüchtlingen, für die oft auch Gottesdienste aus einer ausgemusterten Telefonzelle heraus ins Englische übersetzt werden, sowie die Arbeit der Pfadfinder.

Anders als evangelische und katholische Kirchengemeinden lehnt die FEG die Kindertaufe mit Paten ab: Ab zwölf Jahren kann man sich durch eine Ganzkörpertaufe zu Christus bekennen. Taufen anderer Konfessionen werden jedoch anerkannt.

In den evangelischen Kirchengemeinden Rödermarks ist die Taufe mit fließendem Rodau-Wasser eine besondere Attraktion: Bei Taufen in der Weidenkirche schöpfen Gottesdienstteilnehmer das Wasser aus dem vorbeifließenden Bach, wie Pfarrer Carsten Fleckenstein aus Ober-Roden erläuterte. Obwohl die Weidenkirche zwischen den Ortsteilen Urberach und Ober-Roden ein gemeinsames Projekt der fünf christlichen Gemeinden Rödermarks (Sankt Nazarius, Sankt Gallus, Evangelische Kirchengemeinde Ober-Roden, Evangelische Petrusgemeinde Urberach und FEG) ist, finden dort nur evangelische Taufen und Trauungen statt: Das katholische Kirchenrecht sieht für diese Sakramente einen geweihten Kirchbau vor. Gepflanzt wurden die Weiden der luftigen Kirche zwischen Rodau und S-Bahn beim Rödermark-Festival 2007.

Die ökologischen Themen der Radtour wurden besonders an den Bienenstöcken von Tanja und Rüdiger Behre mit Blick auf den Kallemannsberg deutlich: Für drei Kilogramm Nektar, aus dem ein Kilo Honig geerntet werden kann, müssen die Bienen 150.000 Blüten besuchen. Sie bestäuben dabei die meisten unserer Kulturpflanzen, die ansonsten wenig bis keinen Ertrag bringen würden.

Erstaunlich ist, dass Bienen diese Arbeitsleistung nur in der letzten ihrer vier Wochen Lebenszeit erbringen: Die ersten drei Wochen ist ihre Aufgabe, im Stock die Königin zu ernähren, Waben zu bauen und Maden zu füttern. Durch Pheromone der Königin wird einerseits die Eiablage der übrigen (weiblichen) Bienen unterdrückt, andererseits erhält das Bienenvolk - „der Bien“, wie die Fachfrau sagt - einen charakteristischen Geruch. Der Geruch ist für alle Bienen ein Erkennungszeichen, so dass potenzielle Feinde vor dem Flugloch rasch identifiziert und attackiert werden können.

Auch das leibliche Wohl der Menschen kam nicht zu kurz: Begeistert probierte die Gruppe selbst gekelterten Apfelwein der jungen Unternehmer André Lang und Tim Lotz. Vor zwei Jahren kauften die beiden 25-Jährigen Streuobstwiesen im Odenwald und gründeten eine GmbH, um eigenen Most zu keltern und Obst zu brennen.

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