Fastnachtszug schlängelte sich am Samstag durch Bieber Fahrspaß nur mit Promillegrenze

Ob in enger weißer Radlerhose, im Bikeroutfit oder Giraffenkostüm – diese Gruppe radelte gelassen durch die Bieberer Gassen.

Offenbach-Bieber (man) – Schon eine Dreiviertelstunde, bevor sich der Bieberer Fastnachtszug überhaupt in Bewegung setzt, postieren sich schon etliche Anwohner der Aschaffenburger Straße vor ihrem Zaun. Einer der Männer trägt eine gestreifte Häftlingsuniform, ein anderer ein Kostüm, das ihn als FBI-Agenten ausweist. Uniformen scheinen noch stärker en vogue zu sein als sonst zur Fastnachtszeit. Auf der Straßenseite gegenüber steht eine junge Frau inmitten ihrer Freundesgruppe, auf ihrer olivgrünen Bundeswehrjacke trägt sie Schulterklappen eines Generalleutnants, bei deren Anblick einfache Soldaten und Unteroffiziere in der Kaserne gar nicht stramm genug stehen können.

Derweil sammeln sich die 26 Teilnehmergruppen des Fastnachtsumzugs in der Poststraße gegenüber des Bahnhofs. Egbert Färber nimmt Kontakt zur Truppe der Segway-Fahrer auf. Denn in Deutschland gibt es im öffentlichen Raum keinen Vorgang, den nicht irgendeine Vorschrift regelt. Fußgänger müssen auf einem Umzug jedes rollende, nicht durch Muskelkraft betriebene Gefährt flankierend begleiten. Das macht bei einem LKW Sinn, doch bei einem Segway-Elektroroller wirkt die Vorschrift skurril. Das weiß auch der Vorsitzende des Bieberer Heimatvereins, der den Umzug organisiert. Färber bittet die Vertreter der Offenbacher Verleihfirma: „Fahrt bitte ganz langweilig.“ Ein Mann, der auf den Namen Freddy hört, beteuert: „Wir sind die Sicherheitsleute schlechthin.“ Man habe damit selbst schon große Wagen bei Umzügen begleitet. Anders als für Fußgänger gelte außerdem für sie die Regel „0,0 Promille“. Färber wirkt beruhigt.

Im vergangenen Jahr zogen Kinder, Lehrerinnen und Eltern der Grundschule Bieber als „Buchstaben-Aliens“ verkleidet mit 35 Leuten los. „Diesmal sind es zehn mehr“, zählte die Organisatorin Petra Franz-Pichura im Vorfeld. Auch eine ehemalige Lehrerin zeigt am arbeitsfreien Samstag alte Verbundenheit mit der Schule. Verena Kullik hat in der Zwischenzeit die Stelle einer Konrektorin in Rüsselsheim übernommen. In Bieber läuft die Pädagogin dennoch wie alle anderen aus dem Umfeld der zweiten und dritten Klassen als Vogelscheuche durch den Ort.

Markus Merkel, der Vorsitzende des Musikvereins Eintracht, spielt normalerweise die Tuba. Heute auf dem hohen Wagen muss er aber den Schlagzeuger Georg Zahn ersetzen. Der ist verhindert, denn einer muss den Traktor, der das Blasorchester zieht, um die engen Kurven manövrieren.

An den Stellen müssen auch die Mitglieder der TGS-Rhönradgruppe aufpassen. Beim Rhönradfahren handelt es sich um einen Sport, bei dem sich ebenfalls die Einhaltung der 0,0-Promille-Grenze empfiehlt. Mit ein paar Schnäpsen intus, mit denen Anwohner der Herder- oder der Flurstraße die Zugteilnehmer versorgen, könnte sich insbesondere die Kopfunter-Position beim Drehen verheerend auswirken. Den jungen Turnerinnen kommt es jedoch partout nicht in den Sinn, ein Gläschen zu kippen.

Die Evangelische Jugend der Markus-Gemeinde präsentiert auf ihrer mit dem Spruch „Jeder nach seiner Art“ bedruckten Fahne nicht nur den Titel eines Kinderliedes von Hoffmann von Fallersleben, sondern auch eine Toleranz, über die sich Vertreter sexueller oder weltanschaulicher Minderheiten wohl auch zu Zeiten gefreut hätten, als die Kirchen die Moral noch allgemein bestimmen konnten.

Die Frauen der Gymnastikgruppe des Wassersportvereins 1923 sind schon lange eine verlässliche Größe beim Umzug. Sie nähen ihre Kostüme jedes Jahr selbst. „Diesmal kommen wir als Wäscherinnen“, sagt Helga Ortwein.

Die Segway-Fahrer kreuzen schließlich so zahm durch Bieber, dass Egbert Färber am Ende nichts monieren musste.

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