Ausstellung im Rathaus Ober-Roden Obdachlos in Rödermark

Malvina Schunk (links) erläutert bei der Vernissage im Rathaus in Ober-Roden die Fotos im Beisein von Bürgermeister Kern und erstem Stadtrat Rotter. Foto: p

Rödermark (red) – Herr S. war selbstständig. Zusammen mit einem Partner hatte er ein eigenes Geschäft. Es lief lange Zeit gut, doch irgendwann gingen die Aufträge wegen der Konkurrenz der Internetangebote immer stärker zurück. Nur wenige brauchten noch den Direktservice vor Ort.

Über das Arbeitsamt wurden Herrn S. neue Arbeitsverhältnisse vermittelt – immer nur befristete Verträge. Ein Vertrag lief aus, ein neuer begann – eine Arbeitspause entstand. Immer wieder auf das Arbeitsamt angewiesen, hangelte sich Herr S. von Firma zu Firma, bis er keinen neuen Arbeitsvertrag mehr bekam. Er konnte sich seine Wohnung nicht mehr leisten und kam in eine Gemeinschaftsnotunterkunft der Stadt. Ein Antrag auf Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) scheiterte am Nachreichen von Unterlagen, die Herr S. nicht beschaffen konnte, als er mit einem Hirnschlag ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Funktionsfähigkeit seiner Finger war danach ebenso eingeschränkt wie der ganze Bewegungsapparat. Deshalb ist nicht klar, ob Herr S. jemals wieder arbeiten kann. Mit den jetzt bewilligten Hartz-IV-Leistungen muss eine Lebensperspektive für ihn gefunden werden.

Leben ist aus den Fugen geraten

Das Schicksal von Herrn S. ist eines von zwölf, die derzeit in einer ebenso sehens- wie lesenswerten Fotoausstellung im Treppenhaus des Rathauses Ober-Roden dokumentiert werden. Es geht um „wohnungslose Menschen in Rödermark“. Fotos und Texte stammen von Malvina Schunk. Die Sozialpädagogin ist seit gut einem Jahr für die Wohnungslosenunterkünfte der Stadt zuständig. Mit der Ausstellung möchte sie Öffentlichkeit schaffen für ihr Thema, möchte der „Stigmatisierung“ von Menschen entgegenwirken, deren Leben aus vielerlei Gründen aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und mit dem Verlust der Wohnung ist auch der Alltag oft in einer Schieflage.

Es sei wichtig, dass sich die Stadt mit einer öffentlichen Ausstellung dem Thema Obdachlosigkeit widme, sagte Bürgermeister Roland Kern bei der Eröffnung der dokumentarischen Schau am Montag. „Es kann jedem passieren: das bewusst zu machen, ist auch ein Ziel dieser Ausstellung!“ Die Einbeziehung der Öffentlichkeit könne Vorurteilen entgegenwirken und damit zur Lösung der Probleme beitragen. Dieses Konzept habe Malvina Schunk der Stadt von Anfang präsentiert. Für ihre Herangehensweise gebühre ihr Anerkennung. Schon mit der Einstellung von Frau Schunk habe die Stadt gezeigt, dass sie offensiv mit diesem Thema umgehen wolle. Das bestätigte Schunk: „Hier hat man sich entschieden, dass die Klienten auch sozialpädagogisch betreut und nicht nur ‚verwaltet‘ werden.“ Als Sozialdezernent ergänzte Erster Stadtrat Jörg Rotter: „Den Menschen muss geholfen werden. Ich bin froh, dass diese Arbeit so gut gelingt.“ In Zahlen: Seit Malvina Schunk bei der Stadt begonnen hat, ist die Zahl der wohnungslosen Menschen von 21 auf zwölf zurückgegangen.

Kümmern und Mut-Machen

Die Fotoausstellung versucht einen vielseitigen Einblick zu geben. Die Texte stellen nicht nur die persönlichen Lebensentwürfe der wohnungslosen Menschen dar, sondern greifen auch Schunks Perspektive auf. Zum persönlichen Schutz sind Namen, Daten und Fakten abgewandelt. Die Bilder und Texte, die selbstverständlich mit Einverständnis der Betroffenen entstanden sind, geben einen kleinen Einblick, wie Wohnungslosigkeit zustande kommt und was es bedeutet, wohnungslos zu sein. Beim Eröffnungsrundgang durch die Ausstellung vermittelte Malvina Schunk zudem einen Einblick in ihre tägliche Arbeit – man könnte es auch ihr tägliches Kümmern und Mut-machen nennen. Man erfuhr, dass sich der Wohnungsverlust nicht immer abwenden lässt, dass Wohnungslosigkeit durch Eigenbedarf der Vermieter entstehen kann, durch eine Trennung vom Partner, durch Verschuldung oder durch persönliche Schicksalsschläge wie Tod und Krankheit etc. Manchen Klienten hat es schon geholfen, das sich jemand um sie gekümmert hat. Es gebe aber auch Menschen, so Schunk, die nicht reintegrierbar seien, „die den Absprung nicht schaffen“.

Die Ausstellung ist im Rathaus Ober-Roden bis zum 15. Dezember zu sehen, danach vom 19. Dezember bis zum 19. Januar im SchillerHaus und vom 23. Januar bis zum 23. Februar im Bürgertreff Waldacker. Bei Interesse an einer persönlichen Führung können Anfragen von Gruppen gerne an Malvina Schunk unter Telefon 911-354 oder per Mail an malvina.schunk[at]roedermark[dot]de gestellt werden. Die Ausstellungsmacherin dankt der Sparkasse Dieburg, die den Druck der Flyer ermöglichte, und dem Fotoclub Rödermark, der die Rahmen zur Verfügung stellte.

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