Gegenseitige Unterstützung auf dem Weg aus der Sucht Der Fechenheimer Freundeskreis wird 40 Jahre alt

Am „Fechenheimer Trockendock“: Freundeskreis-Leiter Harry Hoppe, seine „Lebensretterin“ Christa Göbel und Weggefährte Rudi Stadler von der Hessischen Landesstelle gegen die Suchtgefahr (von links). Foto: sh

Fechenheim (sh) – Als der Fechenheimer Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe vor 40 Jahren sein Hilfsangebot im Stadtteil eingerichtet hat – damals noch als „Beratungsstelle für Alkoholfragen“ – war nicht abzusehen, dass die Selbsthilfegruppe so lange Bestand haben würde. Professionelle Entzugskliniken bezweifelten, dass sich Betroffene gegenseitig helfen könnten. Doch seit den Anfängen hat sich vieles verändert.

Anlässlich des runden Geburtstags des Vereins hatte Freundeskreis-Leiter Harry Hoppe zu einer Feier eingeladen, um mit Freunden und langjährigen Wegbegleitern zu feiern. Suchtmittelfrei, versteht sich.

Christa Göbel und Helmut Schimmig riefen den Freundeskreis ins Leben

Harry Hoppe war selbst Betroffener. Der Wahl-Fechenheimer war in verschiedenen Vereinen aktiv. Er organisierte unter anderem die damalige Fechenheimer Kerb. Das Trinken schien zum Vereinsleben dazuzugehören und irgendwann war der Punkt erreicht, wo es ohne Alkohol nicht mehr ging. Da kam der Freundeskreis ins Spiel, den Sozialarbeiterin Christa Göbel – damals hieß sie noch Deubler – und Helmut Schimmig von der Evangelischen Suchtberatung in Zusammenarbeit mit den Fechenheimer evangelischen und katholischen Gemeinden gegründet wurde. Jeden Mittwoch traf sich die Gruppe in der Melanchthongemeinde in der Pfortenstraße – und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Harry Hoppe war selbst betroffen und fand beim Freundeskreis Hilfe

Wenn Harry Hoppe von Christa Göbel spricht, bezeichnet er sie als seine Lebensretterin. „Ich habe viele böse Sachen zu ihr gesagt“, erinnert er sich. Aber sie ließ nicht locker, um ihn auf einen gesunden Weg zu bringen. „Ich kam aus einem Forsthaus und vor einem großen Hund, mit dem Harry mir gedroht hat, hatte ich keine Angst“, sagt sie. Zwei Jahre lang habe er mit ihr gekämpft, dann aber „den Krieg verloren“, resümiert Hoppe und lacht.

Der Austausch mit Betroffenen trägt dazu bei, abstinent zu bleiben

Er hat auf seinem Weg aus der Sucht die Erfahrung gemacht, dass der Austausch mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe wie dem Freundeskreis dazu beitragen, abstinent zu bleiben. Er ist mittlerweile 87 Jahre alt und seit Jahrzehnten „trocken“. „Und ich stehe gut im Leben – das weiß jeder, der mich kennt. Aber: Ich bin gesund auf Probe und die Probezeit ist bis heute nicht zu Ende“, sagt er.

Während Selbsthilfegruppen vor 40 Jahren von professionellen Suchtmedizinern noch kritisch beäugt wurden, existieren mittlerweile gute Kooperationen mit Rehakliniken, in denen sich verschiedene Selbsthilfegruppen den Patienten vorstellen. „Die Gruppen haben unterschiedliche Arbeitsweisen – ob es nun der Freundeskreis, die Guttempler, das Blaue Kreuz oder die Caritas sind. Anfangs konkurrierten die Gruppen sogar miteinander, bis ihnen bewusst wurde, dass sie ein gemeinsames Ziel haben“, sagt Hoppe.

Stephan Siegler betont die Wichtigkeit von Selbsthilfegruppen

Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler (CDU) unterstrich in seiner Festrede, dass die Wichtigkeit der Selbsthilfegruppen auch im Gesundheitssystem angekommen sei. „Gerade die Betroffenen, die es geschafft haben, ein erfülltes Leben ohne Suchtmittel zu führen, wissen, was jemand braucht, der noch im Tief steckt“, sagt Siegler. Und die Betroffenen wüssten zudem, dass der Weg aus der Sucht kein geradliniger ist, sondern dass es auch viele „Schlaglöcher“ auf dieser Strecke gebe.

Die „Alte Backstube“, das alkoholfreie Café in der Innenstadt, gibt es immer noch

Auf einen essenziellen Baustein in der Geschichte des Freundeskreises wies Edith Schmidt-Westerberg von der Evangelischen Suchtberatung hin, nämlich den Bau der „Alten Backstube“ in der Frankfurter Innenstadt. Das alkoholfreie Café wurde 1984 unter dem damaligen Leiter der Evangelischen Suchtberatung Paul Sorgenfrei eröffnet – beim Bau hatte Harry Hoppe sowohl kräftig mit angepackt als auch Treffen des Freundeskreises dort abgehalten.

Laut Pfarrer Wilfried Steller ist die Nähe in Selbsthilfegruppen Stärke und Schwäche zugleich

Auch Hausherr Pfarrer Wilfried Steller richtete Grußworte an den Verein und betonte, dass der Freundeskreis keine Gruppe Anonymer sei. „Es sind Freunde, die Namen haben und Einblicke in das Privatleben des anderen und die einander helfen“, erklärt Steller. Diese Nähe zueinander sei Stärke und Schwäche zugleich, denn die soziale Kontrolle und erwartete Offenheit sei in Zeiten von starker Individualität oft schwer auszuhalten. Ortsvorsteher Werner Skrypalle (SPD) formulierte, dass der erste Schritt für Abhängige und Angehörige sei, Hilfe anzunehmen.

Pfarrer Langensiepen stand damals an der Wiege des Freundeskreises

Der ehemalige Pfarrer Karl Langensiepen erinnert sich, dass er 1978 sozusagen an der Wiege des Freundeskreises gestanden habe. Er habe Hochachtung vor allen, die den Freundeskreis besuchen und sich mit ihrer Krankheit in die Öffentlichkeit gewagt haben.

Musik von Dudelsackspieler Thomas Zöller

Zur musikalischen Unterhaltung hatte Harry Hoppe den Leiter der Dudelsackakademie aus Hofheim Thomas Zöller gewinnen können. Der studierte Dudelsack-Spieler unterhielt die Festgäste mit Klassikern auf diesem Instrument wie „Mull of Kintyre“ aber bewies auch höchste Fingerfertigkeit mit dem Intro zu „Thunderstruck“ von AC/DC.

Der Fechenheimer Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe trifft sich jeden Mittwoch um 18 Uhr im Gemeindehaus der Melanchthonkirche, Pfortenstraße 4.

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