Unterwegs in den Kulissen der Erinnerung

Thomas Melle liest im Bibliothekszentrum

Stadtschreiber Thomas Melle liest im Bibliothekszentrum aus „Die Welt im Rücken“. Foto: zko

Bergen-Enkheim (zko) – Als der amtierende Stadtschreiber von Bergen-Enkheim Thomas Melle im Bibliothekszentrum zur Lesung kam, gab es in dem Raum keinen freien Platz mehr. Melle gewährte dem Publikum einen Einblick in „Die Welt im Rücken“. Die Besucher dürften zu den letzten gehören, die den Autoren persönlich aus diesem Roman vortragen hörten.

Drei Romane hat der 42-jährige Autor bereits veröffentlicht, darüber hinaus Erzählungen und Theaterstücke. Im Jahr 2011 wurde Melles Roman „Sickster“ für den Deutschen Buchpreis nominiert. Sein Werk „3000 Euro“ aus dem Jahr 2014 stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und sein im August 2016 erschienener Roman „Die Welt im Rücken“ ebenso. Im März 2017 wurde eine Bühnenfassung seines jüngsten Romans, in dem der Schriftsteller seine bipolare Störung thematisiert, erfolgreich im Wiener Burgtheater uraufgeführt.

Thomas Melle: „Eine der letzten Lesungen aus ,Die Welt im Rücken'"

„Ich wollte eigentlich nicht mehr aus dem Roman lesen“, eröffnete Thomas Melle die Veranstaltung und erläuterte, dass es zumindest eine der letzten Lesungen daraus wäre, denn „irgendwann muss es mal abgeschlossen sein“. Für sein so zahlreich erschienenes Publikum war es ein großes Glück, dass er noch einmal aus diesem Werk vortrug, denn der Unkenntnis vieler Menschen über die Krankheit gelte es nach wie vor, zu begegnen.

Thomas Melle schilder seinen Zustand während der akuten Krankheitsphase

Drastisch und schonungslos schilderte Melle aus der Ich-Perspektive seinen Zustand vor und während der akuten Krankheitsphase, nachvollziehbar und Unwissenden die Augen öffnend. Eine ausführliche Diskussion schloss sich an und auch dort trat der Autor seinen Lesen offen entgegen. Er beantwortete die vielen Fragen mit bemerkenswerter Aufrichtigkeit. Eine Frage lautete, ob es nicht eine Qual gewesen sei, erst durch die Krankheitsphase zu gehen und sich dieser dann beim Schreiben erneut auszusetzen. Dazu erläuterte der Schriftsteller, dass er sich der Gefahr durchaus bewusst gewesen sei und in die alten Szenen wie in „Kulissen der Erinnerung“ gegangen sei.

Roman versucht, bipolare Störung sichtbar zu machen

Überforderung, Hektik und Überanstrengung seien Faktoren, die Menschen, welche wie er eine Veranlagung für diese Krankheit mitbrächten, aus dem Gleis bringen könnten. Es sei aber viel zu simpel, anzunehmen, dass diese drei Faktoren reichten, um die Krankheit zum Ausbruch zu bringen, sagte Melle. Sein Roman sei der Versuch, die bipolare Störung sichtbar zu machen und gängige Klischees oder griffige Diagnosen zu hinterfragen. „Ich wollte etwas schwer zu Beschreibendes in eine literarische Form bringen und habe mich auch mit für mich peinvollen Stellen ziemlich entäußert, um authentisch zu sein. Jetzt muss ich mich erst einmal wieder neu finden, möchte Urlaub von mir haben und gern etwas Fiktiveres schreiben“, schloss er die Lesung. Sichtlich beeindruckt erwarben viele Besucher den Roman am Büchertisch der örtlichen Buchhändlerin und ließen das Werk vom Autor signieren.

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