Dramaturgische Überraschungen Theater Willy Praml inszeniert „Iphigenie auf Tauris“

Thoas/Pylades (Jakob Gail), Iphigenie (Birgit Heuser), Arkas/Orest (Michael Weber) und Kinder der Helmholtzschule. Foto: Faure

Ostend (jf) – „Die ‚Iphigenie’ ist ein Höhepunkt der deutschen Klassik – und äußerst kompliziert“, beginnt Theaterchef Willy Praml auf den Stufen zum Eingang in den Theaterkubus der Naxoshalle seine Vorrede zum Schauspiel. Er erklärt notwendige Zusammenhänge: Von „vielen, vielen Toten“ ist die Rede, obwohl im Drama selbst nicht ein Einziger getötet wird.

Tantalos zog aufgrund seines Frevels gegen die Götter einen Fluch auf sein Haus. „Gott Zeus, ein Filou, der nicht nur Frauen in immer wieder neuer Gestalt nachstellte, sondernd auch geistreiche Gespräche schätzte, lud König Tantalos an die Tafel der Götter ein. Der König wollte die Allwissenheit der Götter testen und setzte ihnen seinen eigenen, von ihm getöteten Sohn Pelops als Speise vor. Die Götter kamen dahinter und waren erzürnt. Tantalos wurde mit den Tantalosqualen bestraft, seine Familie bis in die fünfte Generation mit Mord und Totschlag am eigenen Blut“, erklärte Praml.

Tochter soll geopfert werden

Und Iphigenie stammt aus eben diesem Geschlecht der Tantalliden, ist die älteste Tochter des Königs Agamemnon und sollte, weil der König auf Kriegsfahrt gegen Troja wollte, für günstigen Wind der Göttin Diana geopfert werden. Diana jedoch hüllte das Mädchen in eine Wolke und entführte es auf die Insel Tauris, die heutige Krim, und machte es zur Priesterin in Dianas Tempel. Zwölf Jahre hockt Iphigenie inzwischen auf der Insel, voller Sehnsucht „das Land der Griechen mit der Seele suchend“. Andererseits konnte die beim Volk und bei König Thoas angesehene Priesterin bislang verhindern, dass jeder Fremde, der nach Tauris kam, geopfert wird. „Das Stück hat kein wirkliches Happy End, viele Fragen bleiben offen. Im Mittelpunkt die, ob Humanität den Schrecken dieser Erde überwinden kann“, schließt Praml seine Einführung.

Auf der Bühne sitzt Iphigenie (Birgit Heuser) in eine Art Militärmantel gehüllt auf einem Gartenstuhl, Blumen im Haar deuten ihren Status als Priesterin an. Ihr wortgewaltiger und ausdrucksstarker Monolog fesselt das Publikum. Iphigenie entzieht sich dem Werben von König Thoas (Jakob Gail).

Furien nehmen die Verfolgung auf

Iphigenies Bruder Orest (Michael Weber) und dessen Freund Pylades (ebenfalls Jakob Gail) treffen auf Tauris ein, um die Statue der Diana aus dem Tempel zu rauben – Apoll hat im Orakel davon gesprochen, „die Schwester heimzuholen“. Die Männer glauben, das damit eben Diana, Apolls Schwester, gemeint ist. Orest, der Muttermörder, der seinen vom Geliebten der Mutter getöteten Vater rächte, wird von den Furien verfolgt und erhofft sich durch den Bilderraub Erlösung. Iphigenie aber soll nun ihres Amtes wieder walten und die beiden Fremden, die bei ihrer Landung auf Tauris gefangen genommen wurden, töten. Sie ist verzweifelt. Als die Geschwister einander offenbaren, wer sie wirklich sind, verstärkt das ihre Seelennot noch.

Zum Lied „Erzähl mal“ der Hamburger Band „Deine Freunde“ bevölkert die Klasse 6e der Helmholtzschule, in schwarz-weiße Schuluniformen gekleidet, die vordere Bühne. „Wie war’s in den Ferien? Gut. Was hast du da erlebt? Viel. Wie war’s mit den anderen? Gut. Und was habt ihr so gemacht? Gespielt.“ Genau das passiert auf der Bühne. Stumm gehen die Mädchen und Jungen nach dem Auftritt ab – und begegnen Orest. Sind die Tandalliden also im Hades versöhnt? Und ist Orest vom Fluch befreit?

Videokamera zeigt Iphigenies Leiden

Iphigenie leidet, verlässt die Bühne. Eine Videokamera begleitet sie, die Bilder werden auf eine Leinwand überspielt. Thoas Vertrauter Arkas (ebenfalls Michael Weber) redet auf die Priesterin ein, Thoas Werben zu erhören. Doch sie entscheidet sich anders, gesteht Thoas die Fluchtpläne und versucht ihn umzustimmen. Iphigenie kann Thoas überzeugen: „So geht!“, gewährt der schließlich die Rückkehr von Iphigenie, Orest und Pylades nach Griechenland. „Nicht so!“, fleht Iphigenie noch mehrmals und will außerdem des Königs Segen.

Goethes „Iphigenie auf Tauris“, 1786 schließlich als Versdrama in der endgültigen Fassung erschienen, kommt in Pramls Inszenierung kein bisschen langweilig und angestaubt daher. Das ist einer überraschenden, manchmal verblüffenden Dramaturgie, musikalischen Akzenten, einem besonderen Portal und dem bewundernswerten Einsatz der Schauspieler zu verdanken. Iphigenie – genau so überzeugt sie.

Das Drama wird wieder im April gezeigt, mehr dazu unter www.theater-willypraml.de.

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