Christian Wulff zu Gast am Frankfurter Center for Applied European Studies

Der Islam, Deutschland und Europa

Nordend (jf) – In Vertretung für den erkrankten Präsidenten der Frankfurt University for Applied Sciences, E. P. Dievernich, begrüßte Vizepräsidentin Kira Kastell die Gäste im voll besetzten Audimax: „Das Thema ‚Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland und Europa (?)’ polarisiert. Diesen Satz würden wohl heute nicht mehr so viele unterschreiben.“ Islam und Islamismus würden populistisch in einem Atemzug genannt, obwohl dazwischen gravierende Unterschiede bestünden.

An der Frankfurt University studieren über 14 000 junge Menschen aus mehr als 100 Nationen. „Es ist unsere Aufgabe, einen toleranten und gewaltfreien Studienalltag zu organisieren. Das schaffen wir“, unterstrich Kastell, „es ist eine Integration, die täglich erprobt wird und bei der alle Seiten aufeinander zugehen. Wir sind der Überzeugung: Vielfalt stärkt.“

In der Vortragsreihe „Think Europe – Europe thinks“ war am Montag, 15. Mai, Bundespräsident a. D. Christian Wulff zu Gast. Vor dessen Rede nahm Michel Friedman, Geschäftsführender Direktor des 2016 gegründeten Center for Applied European Studies, das Wort: „Es geht um Emanzipation, und dazu braucht es Aufklärung. Das setzt voraus, dass man respektvoll miteinander redet.“ Leider würden Begriffe politisiert – beispielsweise sei von „christlichem Abendland“ die Rede. „’Wir sind nicht Burka’, stellte Bundesinnenminister Thomas de Maizière fest. Marietta Slomka fragte nach seinen Äußerungen zur Leitkultur: ‚Hätten Sie nicht auch sagen können ‚Wir sind nicht Nazi?’ Eine kluge Frage.“

Christian Wulff stellte am Anfang seines Vortrags fest, dass er die Aussage „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland und Europa (?)“ gerne mit einem nicht in Klammern stehenden Ausrufezeichen versehen und der Gegenrednerin das Fragezeichen überlassen hätte. „Der Satz war im Oktober 2010 richtig und ist es heute umso mehr.“ Christentum und Judentum gehörten immer schon zu Deutschland, „die Muslime gehören seit Jahren gleichberechtigt dazu“, unterstrich Wulff. Als das ausgesprochen wurde, fühlten sich die Muslime angekommen. Heute leben vier Millionen Muslime in Deutschland und 14 Millionen Muslime in Europa. „Und in Berlin leben mehr Muslime als Katholiken“, merkte Wulff an. An vier deutschen Universitäten werden Imame ausgebildet, das sei wichtig, um staatlich gelenkten Einflüssen von außen etwas entgegen zu setzen. „Es muss unser Ziel sein, ein in Vielfalt geeintes Europa weiterzubauen.“

Allerdings beobachtete eine 2015 erstellte Studie der Bertelsmann-Stiftung eine zunehmende gefühlte Bedrohung der Deutschen durch den Islam.

„Schon Viktor Klemperer stellte fest: ‚Worte können wie winzige Arsendosen sein: Sie werden unbemerkt verschluckt; sie scheinen keine Wirkung zu tun – und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.’ Deshalb müssen wir auf unsere Sprache aufpassen“, sagte Wulff. Mit der globalen Digitalisierung, ähnlich revolutionär wie die Erfindung des Buchdrucks vor über 500 Jahren, können falsche Nachrichten überall und blitzschnell verbreitet werden. „Manche intellektuellen Debatten ängstigen mich“, bekannte Wulff. Schlichtheit, unterfüttert mit scheinbar intellektuellen Überlegungen, erzeuge Angst. „Ich bevorzuge den aufrechten Gang“, erklärte Wulff gegen jene, die hinter einem Mäntelchen der Sorge rechte Parolen verbreiten. „Eine generelle Kritik an den Muslimen führt zur Ausgrenzung und darf nicht zugelassen werden“, stellte er fest. Das heiße aber nicht, dass Probleme unter den Teppich gekehrt werden sollten. „Europa sollte sich seiner Werte bewusst werden.“

Der Redner berichtete von einer Türkeireise, bei der er sagte: „Das Christentum gehört zur Türkei.“ „Und das ist genauso wahr, denn Apostel Paulus gründete in seinem Geburtsort Tarsus, heute Türkei, die ersten christlichen Gemeinden“, erläuterte Wulff. Der Versuch, homogene Staaten zu schaffen, führe zu Massakern. Die Zukunft gehöre vielmehr Nationen, die kulturelle Vielfalt fördern. „Wir sollten nicht in eine muslimische Weltverschwörung abdriften“, warnte der Redner. „Unsere christlichen Religionen haben viele Jahrhunderte für ihre Neuausrichtung gebraucht, wir sollten anderen Religionen ebenfalls Zeit zugestehen.“

Abschottung und Ausgrenzung seien keine Lösung – Wunden allerdings nur abzudecken und zu verbinden, ohne sie zu heilen, auch nicht.

Ursula Fasselt stellte vor ihrem Vortrag klar: „Es ist keine Gegenrede, eher eine kritische Hinterfragung.“ Sie wies darauf hin, die Unterschiede zwischen Europa und den muslimischen Ländern zu beachten, ebenso die verschiedenen Strömungen im Islam. Ihrem Vorredner stimmte sie hinsichtlich der Entwicklung in Deutschland zu: „Es gibt viele Ängste und wenig Offenheit im Land der Fernreisenden.“

In der anschließenden Diskussion betonte Christian Wulff: „Der Satz, dass der Islam zu Deutschland gehört, ist erst der Anfang. Es liegt noch eine gewaltige Arbeit vor uns.“

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